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Manuela ging tanzen.

Author: admin
03 18th, 2008

Seine Widerstandskraft war nur noch gering. Als ich mit Hausdurchsuchung drohte, führte er mich hin. Es lag, noch zusammengerollt im Anglerbeutel,

hinten in seinem Kleiderschrank. Donner, so erklärte Brätschlin nunmehr, wolle es erst abholen kommen, wenn er mit dem Geschäftsfreund in München

wegen des Preises einig geworden wäre. „Schriftlich?” Er zuckte die Achseln. „Ich weiß es nicht.”
Wir nahmen Brätschlin wegen Verdunklungsgefahr in Haft. Becker und Lorenz wurden unauffällig in seine Wohnung einquartiert. Sie lösten einander ab. In

der Garage stand immer noch der Volkswagen, seine Zulassungsnummer war, wie wir leicht feststellen konnten, gefälscht. Über Viktor Donner erfuhren wir

zusätzlich Interessantes: Nachdem er in der Bundesrepublik wegen Urkundenfälschung und Betrugs einige Jahre Haft hinter sich gebracht hatte, war

er bei uns schon zweimal wegen Diebstahls eingesperrt gewesen.
Am vierten Tag abends ging er in die Falle. Seine Verhaftung nahm er gelassen hin, er seufzte nur resignierend und griente dann frech. „Pech gehabt”,

sagte er und streckte Becker die Handgelenke entgegen.
Als er mir vorgeführt wurde, war es allerdings mit seiner ganovenhaften Unbekümmertheit vorbei. „Ich habe ihn nicht ermordet, nein, nein, nein!”

schrie er. „Das können Sie mir nicht anhängen!” Ruhig und leise antwortete ich ihm: „Herr Donner, Sie sind, was Polizei, Justiz und Strafvollzug

anlangt, ein erfahrener Mann. Abgesehen davon, daß Ihr Komplize bereits ein volles Geständnis abgelegt hat, wissen Sie, daß dies auch für Sie das

klügste ist. Wir sind, da es überdies noch weitere Zeugen und ein gerichtsmedizinisches Gutachten gibt, ohnehin über alles informiert. Wir möchten von

Ihnen nur die Bestätigung hören. Wollen Sie aufrichtig aussagen?” ,,Ja, ich will”, antwortete er entschlossen und begann zu erzählen. Bis zum Betreten

des Folkmannschen Hauses am Abend stimmte seine Darstellung mit allem überein, was wir schon ermittelt hatten. Er erzählte flott und formulierte

überraschend präzis, aber die Art, wie er das tat, war widerlich; mit falschem Biedermannston suchte er sich einschmeichelnd lieb Kind zu machen,

zwischendurch grinste er pfiffig und gab sich humorig, und unter allem verbarg sich Brutalität und die gelegentlich hervorbrechende Eitelkeit des

schmierigen Dummkopf s, der sich für klug hält und überzeugt ist, daß er lediglich „Pech gehabt” hat.
„Gegen halb zehn”, erzählte er, „öffnete mir Folk-mann, nachdem ich leise geklopft und gefragt hatte, ob ich vielleicht meine Brieftasche bei ihm

liegengelassen hätte. Er möchte die Störung entschuldigen, sagte ich. Er führte mich ins Zimmer. Hier ist sie, sagte er und gab sie mir. Der Brief

Brätschlins lag noch nebenan auf dem Tisch. Als ich auch den an mich nahm, wollte Folkmann etwas einwenden. Da ging ich auf die harte Tour. Finger

weg! knurrte ich ihn an und griff in meine Tasche. Darin hatte ich einen Strick und einen Lappen, um ihn zu fesseln und ihm den Mund zuzubinden. Er

wurde blaß und fing an zu zittern. Keinen Laut! sagte ich. Danach war ihm sowieso nicht zumute, er tat mir sogar ein bißchen leid. Aber es war auch

irgendwie komisch. Ich zog den Strick heraus. Als Folkmann das sah, gab er einen Laut von sich, als wolle er schreien und könne es nicht. Er ließ

seinen Kopf vornüber fallen, als möchte er es mir recht bequem machen mit dem Strick. Doch der war doch gar nicht dafür, sondern für die Hände. Ich

dachte zuerst: Er ist vor Angst ohnmächtig geworden. Aber er röchelte so ulkig. Da verlor ich die Nerven, das können Sie mir glauben! Ich warf ihm den

Strick wie ein Lasso über den Kopf und zog ihn mit einem Ruck zu.”
Donner zuckte die Achseln und grinste, als ob er ein kleines, etwas peinliches Versehen zu entschuldigen bitte.



Brätschlin erkannte, daß er sich verplappert hatte, und wurde sehr

nervös. Dünne Schweißtropfen traten auf seine Stirn. Unentwegt putzte er seine Brille. Endlich stammelte er: „Mir sagte er, er hätte dort eine zweite

Wohnung.” „Was Sie natürlich ganz in Ordnung fanden? Nicht ein bißchen sonderbar?” „Ich … ich …”
„Lassen wir’s gut sein. Darüber wird uns Herr Donner bestimmt noch einiges zu sagen haben”, warf ich beiläufig hin.
Brätschlins abermaliges Erschrecken war unverkennbar. Unwillkürlich wandte er sich zur Tür, als könne Donner dort plötzlich hereingeführt werden. Man

sah ihm an, daß er am liebsten gefragt hätte, ob sein Komplize verhaftet sei und womöglich schon gestanden habe.
Ich nutzte seine Verwirrung. „Erzählen Sie weiter”, drängte ich. „Wie war das mit München?” „Donner sagte mir, er stände dort mit einem Händler in

Verbindung, der ständig wertvolle Stücke suche und hoch bezahle. Da ist mir eingefallen, daß Folkmann noch den Kokoschka besitzen könnte. Donner

sprang sofort darauf an. Da wurde ich leider schwach …”

„Schwach, nun ja, so kann man’s auch nennen. Weiter. Was geschah dann?”
Brätschlin, offensichtlich erleichtert, weil er den kritischsten Punkt des Verhörs überwunden glaubte, tat nun das, was überführte Gauner beim

ersten Verhör oft zu tun pflegen: In der dummen Hoffnung, von ihrer Person ablenken zu können, indem sie ihre Komplizen belasten, erzählte er zunächst

umständlich und fahrig gestikulierend, dann, da ich ihn nicht unterbrach, allmählich konzentrierter, aber auch vorsichtiger. „Donner stellte

seinen Volkswagen in meiner Garage unter und fuhr mit meinem Wartburg nach Wusterwaldau. Ein ziemliches Stück abseits vom Haus Folkmanns hielt er und

bat eine junge Frau, die gerade beim Blumengießen war, ihm die Kanne zu leihen. Sein Kühler sei leck. Er hatte vorher Wasser abgelassen. Das

Nachfüllen müsse, damit der Motor nicht leide, langsam geschehen, sagte er und kam so mit der jungen Frau ins Gespräch. Natürlich erwähnte er sehr

bald das schöne Fachwerkhäuschen dort unten am Fluß und fragte nach dessen Bewohner. Ja, erzählte die Frau bereitwillig, das sei ein komischer Kauz,

ein gewisser Folkmann. Der führe seinen Haushalt selber, koche sogar für sich, schon seit einem Jahr habe er keine Reinemachefrau mehr. Dabei sei er

krank, aber der Arzt käme nur ganz selten. Aus der Kreisstadt. Wenn der alte Herr nicht in seinem Gärtchen herumbastele, lese er dicke Bücher und

begucke - die Frau lachte - stundenlang Bilder wie ein kleines Kind. Ob er denn nicht auch Bilder an der Wand hängen habe, fragte Donner obenhin.

Nein, nur eins, antwortete die Frau, ein handgemalenes, irgend so einen ollen Mann. Mehr wollte Donner gar nicht wissen.” „Das genügte ja auch.” „Ja.”
Brätschlin hatte sodann auf Anraten Donners das Angelgerät gekauft, und montags fuhren beide, als zünftige Angler gekleidet, nach Wusterwaldau. Die

weiteren Vorgänge hatten wir, wie sich nun herausstellte, ziemlich richtig kombiniert. Donner überprüfte vormittags zunächst die Umgebung des Tatorts

(wobei er als Angler gesehen worden war); er begab sich anschließend zu Folkmann und überbrachte diesem Grüße von Brätschlin. „Es war ein Brief von

ein paar Zeilen.” Dabei überzeugte sich Donner, wo im Zimmer das Gemälde hing. Beim Hinausgehen achtete er auf das Schloß. Es war ein Patentschloß,

das beim Zuziehen der Tür automatisch einschnappt, von einem Nichtfachmann kaum mit einem Dietrich zu öffnen. Wenn Donner also abends nochmals ins

Haus wollte, mußte er klopfen, denn daß der menschenscheue Folkmann seine Tür nicht zuverlässig sicherte, war ausgeschlossen. „Aber Donner”, erklärte

Brätschlin, „hatte vorgesorgt, daß alles ohne Lärm oder lautes Reden ablief.” „Wie?”
„Er hatte vormittags seine Brieftasche, der er mein Briefchen entnahm, absichtlich auf dem Tisch liegenlassen und sich, ehe ihn Folkmann zurückrufen

konnte, schnell entfernt. Folkmann mußte also annehmen, daß sein Besucher, wenn er den Verlust bemerkte und sich besänne, bestimmt zurückkehren

würde.”

Ich nickte. „So geschah es dann auch am Abend, während Sie am anderen Ufer der Werret die Fahrräder bereithielten und Schmiere standen?” , Ja. Aber

was sich im Haus abgespielt hat, weiß ich nicht. Wirklich, Herr Brückner, ich weiß es nicht! Das hat mir Donner nicht erzählt. Er schnitt mir, als ich

danach fragte, schroff das Wort ab und drängte aufgeregt zur Eile. Erst als mich dann Ihr Mitarbeiter Becker in Berlin aufsuchte, erfuhr ich zu meinem

Schrecken, daß Folkmann tot war. Von dem Augenblick an hatte ich keine ruhige Minute mehr.” „Wo befindet sich das Gemälde?” „Das … Donner hat es.”

„Sie lügen, Herr Brätschlin!”



Wir blickten einander nachdenklich an. „Jedenfalls”, sagte ich, „wird es zweckmäßig sein, Genosse Becker, wenn Sie sich noch mal genauer mit diesem

Brätsch-lin befassen. Und nun”, fuhr ich fort, „wollen wir den vermutlichen Rückweg der Täter verfolgen. Wenn hier abends der eine - und zwar war es

nun sonderbarerweise nicht der dicke, sondern der als lang und schlank geschilderte Angler - sein Fahrrad abgestellt hatte, ist anzunehmen, daß auch

das andere hinter der Weide lag, denn es wäre doch unklug gewesen, wenn der Mann, der Schmiere stand, nach der Tat über den Steg gefahren wäre, sich

drüben mit dem Täter vereinigt hätte und beide dann überflüssigerweise noch einmal durchs ganze Dorf geradelt wären. Auf diesem Ufer hingegen bestand

kaum Gefahr, gesehen zu werden - überall Ackerland, Feld und zu beiden Seiten des Pfads viele Büsche, nach rund hundertfünfzig Metern ein Wäldchen.”

Wir gingen langsam den Feldweg, eigentlich nur einen schmalen Trampelpfad, entlang, ich in der Mitte, Becker und Lorenz zu beiden Seiten auf der

Grasnarbe, wo sie jeden Busch, jeden größeren Placken Unkraut untersuchten. Ich forschte - bei dem trockenen, festen Lehmboden leider vergeblich -

nach Reifenspuren. Überdies konnten inzwischen andere Personen hier entlanggeradelt sein; es war sogar anzunehmen.
Kurz bevor wir das Wäldchen erreichten, rief uns Lorenz lebhaft winkend an ein Gebüsch, das sich inmitten hoher Schierling- und Brennesselstauden

erhob. Dort hinein hatten die Täter den Bilderrahmen geworfen. Aber wir fanden noch mehr, nämlich eine fabrikneue Multirolle neuester Konstruktion,

eine Köderdose aus Plast mit vertrocknetem Inhalt, einen zusammenlegbaren Kescher, eine dreiteilige Glasfiberrute, zwei Tütchen voller Reservehaken,

ein Döschen mit Bleikugeln und schließlich vier farbenprächtige Schwimmer verschiedener Art und Größe - ein bißchen viel Aufwand für eine Angelpartie

in einem Flüßchen wie der fischlosen Werret … „Sie haben die Tasche geleert, um das zusammengerollte Gemälde darin unterzubringen”, mutmaßte Lorenz.

Ich nickte. „Stellen wir die Fundstücke sicher.”
Wir kehrten nach Berlin zurück. Eine langweilige, leider notwendige Kleinarbeit begann. Wir teilten sie unter uns auf. Ich hatte Glück, denn schon im

sechsten Geschäft für Anglerbedarf -es war ein Privatlädchen für Jagd- und Fischfanggeräte - erinnerte sich der Inhaber deutlich an einen „älteren

Herrn, gut angezogen, sehr groß und schlank, Brillenträger”, der offenkundig keine Ahnung vom Angeln hatte und sich von ihm „eine komplette

Ausrüstung” einschließlich Leinentasche und Rutenhülle zusammenstellen ließ. „Nur vier bunte Schwimmer wählte sich der Kunde ganz unsachgemäß selbst

aus.”
Ich legte dem Zeugen unsere Fundstücke vor. Die Schwimmer identifizierte er sogleich mit Bestimmtheit, die anderen Stücke (schon in ihrer

Zusammenstellung) mit großer Wahrscheinlichkeit.

Daraufhin bestellten wir den Bildhauer Gerhard Brätschlin, der, wie Becker ermittelt hatte, schon seit Jahren ohne Atelier und erkennbare berufliche

Tätigkeit in einer eleganten Vierzimmerwohnung voller Skulpturen und Gemälde lebte, zu uns ins Präsidium.
Natürlich wollte er zunächst von nichts etwas wissen. Robert Folkmann? Gewiß, den habe er früher einmal gekannt, aber er erinnere sich kaum noch an

ihn. Ob er, Brätschlin, Angler sei? Er lächelte höflich und tat ein bißchen weltfremd. „Aber nein, meine Herren, wie sollte ich?” Doch in den hellen

Augen hinter der Brille war plötzlich ein gewisses Flirren, das ich im Kulminationspunkt schon so mancher Vernehmung hatte beobachten können. Da

drückte ich auf den Knopf der Schnarre. Brätschlins Körper versteifte, als ich zu unserer eintretenden Sekretärin sagte: „Den Zeugen, bitte.” Der

Inhaber des Sportgeschäfts, der sich draußen für die Konfrontation bereit gehalten hatte, kam herein.
Da war es mit Brätschlins Selbstbeherrschung vorbei. Er gab auf und gestand. Wenigstens teilweise. Der Plan stammte von seinem Partner. Der heiße

Viktor Donner. Ja, er sei klein und rundlich, im übrigen aber … der große Unbekannte. Wo er wohne, ob er überhaupt eine Wohnung in Berlin habe, das

wisse er, Brätschlin, nicht; er habe ihm lediglich dann und wann Ölgemälde und Aquarelle verkauft, völlig legal selbstverständlich, davon lebe er.

Gute Bilder,gewiß, aber keine besonders wertvollen. „Die könnte sich ja”, meinte Herr Brätschlin mit einer gewissen Herablassung, „in der DDR

ohnehin kein Privatmann leisten.” Vor etwa einem Monat habe ihm Donner zu verstehen gegeben, er kenne in München, wohin er öfter fahre …
„Einen Augenblick mal.