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Die ist verreist.

Author: admin
03 18th, 2008

„Kommen Sie bitte mit hinauf”, sagte sie und ging die schmale, steile Holztreppe voran. „Von meinem Schlafzimmer aus können Sie es deutlich sehen.”

Ihr Häuschen war das einzige in der Kolonie, das ein Obergeschoß hatte.
Als Brückner an das Mansardenfenster treten wollte, hielt sie ihn aufgeregt zurück.,,Bitte nicht!” flüsterte sie heiser. „Bitte nicht, ich habe

Angst.” Nur ganz wenig schob sie den Vorhang beiseite und winkte Brückner heran. „Dort drüben hinter den beiden Stachelbeerbüschen.” Ihre Hände

zitterten. Eine starre Querfalte auf der Stirn hatte sich vertieft und wirkte wie mit einem Messer eingefurcht. Ihr penetrantes Parfüm überflutete

Peter Brückner, der eine tiefe Aversion gegen alle sogenannten Wohlgerüche hegte.
Was er draußen sah, war läppisch. Eine längliche Grube war ausgehoben, die man allerdings mit einiger Phantasie für eine Grabstätte halten konnte. „Ja

-und?” fragte er lächelnd.
„Vergangene Nacht hat er das ausgeschaufelt”, flüsterte sie. „Es war heller Mondschein. Ich habe es genau beobachtet.”
„Lassen Sie uns wieder nach unten gehen, Frau Burger”, sagte Brückner ruhig. „Dort werden Sie mir alles genau erzählen.” Sie erzählte. Stockend

und langsam, ohne ihr nervtötendes Geflüster aufzugeben, sprach sie zwischendurch plötzlich wieder wie gehetzt und nahezu unverständlich. Auf

Brückners behutsam eingestreute Einwände reagierte sie spürbar böse. So etwa, als er sie fragte: „Wie erklären Sie sich das, Frau Burger, daß Ihr

Nachbar Ledewandt erst vier Tage nach dem Mord das Grab schaufelte?” „Weil er die ganze Zeit schwer betrunken war.” „Woher wissen Sie das?”
„Weil ich es beobachtet habe! Er taumelte in seinem Garten herum. Vorgestern hat er von frühmorgens bis spätnachmittags wie tot vor seiner Tür

gelegen. Erkundigen Sie sich bei der Briefträgerin, sie kann es bestätigen.”
„Gut, Frau Burger”, sagte Brückner und ging zur Tür. „Wir werden Ihrer Anzeige gewissenhaft nachgehen.”
Sie krallte sich förmlich an ihm fest. „Aber lassen Sie mich dabei aus dem Spiel!’ schrie sie plötzlich schrill, und unvermittelt, als sei sie über

sich selbst erschrok-ken, flüsterte sie wieder: „Ich habe Angst! Ich habe furchtbare Angst vor dem Kerl …” Ihre Augenlider flatterten wie bei einer

Kokainsüchtigen. Brückner murmelte noch ein paar beruhigende Worte. Sie schien sie gar nicht zu hören, zumindest den Sinn nicht aufzunehmen. Er war

froh, als er die offenbar Nervenkranke verlassen hatte. Unsere Volkspolizei ist gesetzlich verpflichtet, jeder Anzeige, auch unsinnig scheinenden und

sogar anonymen, nachzugehen. Oft verlangt gerade das viel zusätzlichen Aufwand und Fingerspitzengefühl, weil keinesfalls die Bevölkerung beunruhigt

oder gar ein schuldlos Verdächtigter an seinem Ruf geschädigt werden darf.
Brückner, Becker und Lorenz waren deshalb ziemlich verärgert, als sie in ihrem Dienstzimmer unter sich waren, weil sie inmitten einer im Augenblick

besonders wichtigen, komplizierten Arbeit nun auch noch mit dieser Ausgeburt einer krankhaften Phantasie belastet worden waren.
Becker mußte es übernehmen, erst einmal Tatsachen zu ermitteln. Er ließ deshalb mehrere geschickte Mitarbeiter in der Schrebergartenkolonie und in

benachbarten Geschäften herumhören; die Befragung des angeblichen Mörders Ledewandt behielt Brückner sich selbst, Becker oder Lorenz vor.
Um nichts zu versäumen, erkundigte Brückner sich zunächst beim Abschnittsbevollmächtigten der Siedlung nach Frau Evelyn Burger. Oberleutnant Katte

lächelte. „Ach, die!” sagte er und seufzte leicht. „Hat sie schon wieder mal ein Faß aufgemacht? Die Frau ist nämlich krankhaft veranlagt. Schon

mehrmals hat sie harmlose Nachbarn schrecklicher Dinge verdächtigt; Einbruchsdiebstahl und Brandstiftung sind noch das geringste, einmal meldete sie

mir sogar einen Kindsmord einschließlich nächtlichem Vergraben der Leiche, während Mutter und Kind gesund und munter noch im Entbindungsheim lagen.

Wenn mir die schöne Evelyn, wie man sie hier oft ironisch nennt, jetzt mit so was kommt, nehme ich es scheinbar völlig ernst und sage, ich ginge der

Sache nach …”

Brückner lachte. „Das nicht gerade. Das darf ich ja nicht. Aber wenn sich dann, wie voriges Jahr einmal, der namentlich angezeigte Einbrecher als Steinmarder, der ein

Dutzend Hühner umgebracht hat, herausstellt oder wie unlängst ein qualmender Rauchfang als angebliche Brandstiftung eines Ingenieurs Möller, dann

streitet sie, weil das ganze Schrebergartenvolk sie auslacht, beleidigt ab, jemals so etwas angezeigt oder auch nur entfernt solchen Unsinn behauptet

zu haben.” „Also mit einem Wort, Genosse Katte, eine Halbirre?”
„Hm, ja.” Der Abschnittsbevollmächtigte nickte. „So könnte man’s nennen. Aber nicht durchweg. Gegenüber jungen Männern ist sie beinahe normal,

allerdings auch ziemlich mannstoll.” „Geschwätz oder Tatsache?”
„Beides. Aber ich glaube, man muß das und überhaupt ihre Absonderlichkeiten zu verstehen suchen. Die Frau hat kein schönes Leben gehabt. Doch das

interessiert Sie wohl kaum.”
„Was wissen Sie von ihrem Leben? Mich interessiert stets alles Menschliche, Genosse Katte, auch wenn es nicht unmittelbar mit einer laufenden

Ermittlung zu tun hat.”



03 18th, 2008

Die beiden anderen machte Becker rasch ausfindig. Zunächst den Rentner Willibald Brode, dann die Kurzwarenhändlerin Erika Böttier. Brückner befragte

beide sehr behutsam. Der Rentner konnte ihm nichts Wissenswertes erzählen. Aber von Frau Böttier, die mit sichtlichem Behagen tratschte, erfuhr er

einige Neuigkeiten, die ihm, dem erfahrenen Kriminalisten, überraschend den Weg zur Lösung des Falls wiesen.
Konrad Wyrbatz war, so hörte er, sehr eifersüchtig auf seine Frau Klara gewesen. Zu Recht, denn diese war, nach dem überaus farbigen Bericht der

Kurzwarenhändlerin, „wunderschön, aber ein dolles Flittchen”. Mit aller Entschiedenheit habe sie sich jedoch gegen eine Scheidung von dem

Obergefreiten Wyrbatz, Inhaber einer gut gehenden Tischlerwerkstatt, gewehrt, um so mehr, als sie erfuhr, daß dieser bei der Nachrichtenhelferin

Waltraut Hönsgen - ,,so einer richtigen BdM-Zicke” -Trost gesucht und gefunden habe. „Na, da ist die Klara dann ja im richtigen Moment umgekommen”,

fuhr Frau Böttier gemütvoll fort, „sonst hätte es womöglich noch ein Unglück gegeben, so wie die beiden Weiber zueinander standen.”
Ob Waltraut Hönsgen denn beim Tod der Klara Wyrbatz zugegen gewesen wäre, fragte Brückner scheinbar beiläufig. „Ja, wir hatten Klara in Wyrbatzens

Werkstatt auf die Hobelspäne gelegt. Sie lebte noch, und wir dachten: Die kommt durch, die ist bloß ohnmächtig. Aber nee. Sie starb, obwohl die Waltraut, der sie nun

doch leid tat, den Rest der Nacht und den ganzen Vormittag bei ihr blieb, bis Wyrbatz mittags von Küstrin kam. Aber Waltraut Hönsgen hatte Klara auch

nicht helfen können. Der Arzt sagte später, innen wäre von einer Druckwelle etwas zerrissen gewesen. - Ich hab’ übrigens gehört, der Wyrbatz soll

später die Waltraut geheiratet haben …”
Brückner wußte genug. Wenn er den Fall klären wollte, mußte er jetzt etwas wagen. Mißlang ihm das, blieb der Täter unentdeckt.
Er fuhr nach Leipzig und ließ sich Waltraut Wyrbatz im Polizeipräsidium vorführen. Sie erwies sich als eine kräftige, ziemlich mollige Blondine, trotz

ihrer vierundvierzig Jahre immer noch recht ansehnlich. Sie war sichtlich sehr nervös und wurde zusehends nervöser, als Brückner sie aufforderte, über

den Verlauf der Bombennacht und den Tod der Klara Wyrbatz zu berichten. „Ich konnte nichts tun!” versicherte sie mehrmals eindringlich, als sie

schilderte, wie die von der Explosion Betäubte hilflos vor ihr auf den Hobelspänen gelegen und „langsam dahingestorben” wäre.
„Frau Wyrbatz hatte schönes, dichtes blondes Haar, nicht wahr?” fragte Brückner scheinbar zusammenhanglos.
Waltraut Wyrbatz stutzte, dann begann sie zu zittern. „Ja”, antwortete sie tonlos. „Stehen Sie mal auf”, befahl Brückner schroff.

Und er hielt ihr plötzlich einen Hammer und einen großen Nagel entgegen. „Kennen Sie diese beiden Gegenstände?”
Da sank die kräftige Frau haltlos auf ihren Stuhl zurück. Sie war kreideweiß. Nach einer Weile begann sie zu schluchzen. Brückner wartete geduldig.
Endlich sagte sie mit leiser, fast flüsternder Stimme: „Ja, ich hab’ es getan. Ich habe sie gehaßt. Sie wollte Konrad nicht freigeben. Damals … ja,

wir erlebten täglich so viel Schreckliches … Das stumpfte ab. Und ich dachte: Wenn sie nun nicht stirbt? Sie bewegte sich und stöhnte. Da sah ich

auf der Hobelbank Hammer und Nägel liegen …” Ein Verbrechen war, neunzehn Jahre später,

aufgeklärt.
Die Frau machte den Eindruck einer Hysterikerin. Sie war nicht aufgeregt, sondern exaltiert. Sie hatte Anzeige erstattet, und da sie behauptete, ihr

Nachbar Ledewandt habe seine Frau ermordet, mußte die Kommission der Sache nachgehen, obwohl es sich offenbar um einen Fall von übersteigertem

Geltungsbedürfnis handelte.
Die Frau bewohnte schon seit langem ein Häuschen in der Schrebergartenkolonie „Erntesegen”. Ihr Mann, ein ehemaliger Apotheker, war vor etwa

anderthalb Jahren verstorben. Sie war hübsch, vierunddreißig Jahre alt, etwas füllig und, wenn sie nicht erregt war, von einer mütterlichen

Liebenswürdigkeit, die Leutnant Lorenz, der sich bei Frauen auskannte, später einmal die ,,Schmiegsamkeit eines Blutegels” nannte. (Er liebte bizarre

Vergleiche.) Die Augen der Frau waren auffallend rund und groß, aber bläßlich und wie mit hellblauer Emaille überzogen. Ihr Haar, weder gefärbt noch

gebleicht, glänzte goldblond. Sie war aufdringlich süß parfümiert. Evelyn hieß sie, Evelyn Burger.
Peter Brückner hatte sie zunächst allein aufgesucht. Frau Burger zog ihn, kaum daß er sich vorgestellt hatte, hastig ins Haus, sah ängstlich zum

Nachbargrundstück hinüber, schloß rasch die Tür und drehte noch den Schlüssel um. Sie sprach leise, flüsterte nicht nur anfangs, sondern fast während

der ganzen Befragung. Ihr schönes, sichtlich sorgsam gepflegtes Haar war zum Schluß zerzaust, weil sie fortwährend daran herumgezupft hatte. Ihre

matten Augen glitzerten.



03 18th, 2008

Er war ein untersetzter Mann mit angegrauten Schläfen, ruhig und freundlich. Zunächst antwortete er ziemlich verwundert: „Ja, allerdings. So heiße

ich. Aber …”
Brückner ließ ihn nicht ausreden. „Kennen Sie mich denn nicht mehr?”
Wyrbatz blickte ihn, verlegen werdend, an. „Nein, ich … entschuldigen Sie, ich habe ein sehr schlechtes Gesichtergedächtnis.”
Brückner tat enttäuscht. „Aber ich habe doch in Berlin, in der Bizetstraße, im selben Hause wie Sie gewohnt. Im Stockwerk über Ihnen. Brückner ist

mein Name. Erinnern Sie sich immer noch nicht?” Wyrbatz erinnerte sich natürlich nicht, aber wer gibt so etwas schon gern zu? „Ja”, sagte er, „wenn

ich Sie genauer ansehe … ja, dunkel.” „Wir sind uns öfter im Treppenhaus begegnet, haben auch ein paarmal miteinander gesprochen.” Brückner

plauderte lebhaft weiter, während er nun neben Wyrbatz einherging. „Ich habe ja riesiges Glück gehabt”, erzählte er, „daß es mich in der Bombennacht

vom fünfzehnten zum sechzehnten November vierundvierzig nicht erwischt hat; ich war gerade auf Dienstreise.” Dabei beobachtete er aufmerksam das

Gesicht seines Begleiters.
Aber der sah ihn nur ernst, keineswegs verwirrt an. „Meine erste Frau ist dabei umgekommen”, sagte er ruhig.
Brückner nickte. „Ja, ich erinnere mich. Es war furchtbar damals. Und Sie hatten zufällig Urlaub, meine ich gehört zu haben; und ausgerechnet da

mußten Sie so etwas erleben …”

Wyrbatz schüttelte den Kopf. „Als ich ankam, war Klara schon tot.” Er sagte das unsentimental, und ihm war keine Spur von Nervosität, die Brückner

erwartet hatte, anzumerken.
Sie kamen an einer kleinen Gaststätte vorbei. Brückner blieb stehen. „Wenn Sie es nicht eilig haben …? Ich meine, wenn man sich nach so langer Zeit

zufällig mal trifft…”
Sie gingen hinein und setzten sich an einen Tisch. Ohne Mißbehagen vor dem unangenehmen Thema erzählte Wyrbatz, er habe damals in Küstrin gearbeitet;

wegen eines noch nicht ausgeheilten Oberschenkeldurchschusses sei er in eine Werkstatt der Wehrmacht abkommandiert gewesen, wo Munitionskisten

angefertigt wurden. Als er am Mittag des 16. November von einem eben aus Berlin gekommenen Kameraden gehört habe, bei einem nächtlichen Bombenangriff

sei besonders sein Wohnviertel stark mitgenommen worden, habe er sich auf einen Lastwagen gesetzt, der gerade nach Berlin abging. „Hatten Sie denn

Urlaub?”
„Unser Werkstättenleiter, ein alter Unteroffizier, war mein Freund. Aus der Tischlerinnung. Er ließ mich sofort fahren.”
„Ach so. Und als Sie ankamen …” ,,… war meine Frau schon tot. Nachbarn hatten sie in meine Werkstatt getragen und dort auf die Hobelspäne gelegt.

Sie soll noch geatmet haben. Meine Werkstatt - Sie erinnern sich gewiß,gleich hinter dem Haus - hatte merkwürdigerweise nichts abbekommen.” Wyrbatz

trank ruhig sein Glas aus und bestellte ein zweites.

Brückner, der gute Menschenkenner, konnte ihm nicht die geringste Unsicherheit anmerken. Der Mann heuchelte weder Trauer, die nach so vielen Jahren

unglaubhaft gewesen wäre, noch sprach er in jenem gemacht gleichgültigen Tonfall, mit dem Schuldige oft ihr gänzliches Unbeteiligtsein an einer Tat zu

demonstrieren suchen.
,,Gleich nach dem Begräbnis fuhr ich nach Küstrin zurück”, erzählte Wyrbatz weiter. „Als es dann fünfundvierzig dem Ende zuging, steckte man mich noch

in den Volkssturm, aber da habe ich mich sofort abgesetzt. Neunzehnhundertfünfundvierzig bis ungefähr Anfang -sechsundvierzig habe ich zuerst wieder

in Berlin gearbeitet, alles mögliche und ohne eine richtige Wohnung; doch dann schrieb mir Waltraut - das ist meine jetzige Frau -, ich sollte doch

nach Leipzig kommen.” Er lächelte unbefangen. „Na ja, und das klappte dann auch, und nun bin ich immer noch hier.”
Brückner, aufgefordert, auch von sich zu erzählen, erfand rasch ein paar belanglose Begebenheiten. Bald aber brachte er das Gespräch geschickt auf den

Metzger in Weißensee als gemeinsamen Bekannten, und kurz darauf suchten sie nach anderen. So hörte Brückner einige neue Namen. Würde Wyrbatz, der

zweifellos intelligent war, sie genannt haben, wenn er seine Vergangenheit möglichst im dunkeln lassen wollte? Oder fühlte er sich so sicher? Warum

eigentlich nicht - die Tat lag neunzehn Jahre zurück und war raffiniert genug ausgeführt worden.

Zwei der von Wyrbatz genannten vier Personen waren nicht auffindbar, zumal Brückner keine Anschrift kannte; sie waren inzwischen verzogen oder

verstorben.



Mit diesem makabren Fund begann der Fall Wyrbatz, den Peter Brückner und seine beiden Mitarbeiter sozusagen nebenbei aufklärten.
Die Totengräber kamen in ihrem nun ganz und gar unphilosophischen Gespräch zu dem Ergebnis, daß die Todesursache (was 1944, als die Beerdigung

stattgefunden hatte, naheliegend gewesen wäre) kaum kriegsbedingt gewesen sein konnte. Sie packten das Fundstück ein und übergaben es anderntags dem

Diensthabenden ihres zuständigen Reviers. Dieser, ein junger Polizeimeister, hätte die Annahme am liebsten abgelehnt, aber das ging ja nun nicht. Er

schaffte sich die leidige Sache vom Hals, indem er den Schädel mitsamt dem vorgeschriebenen Fundprotokoll ins Kriminalmedizinische Institut schickte.

Dort stellte man fest, daß höchstwahrscheinlich ein achtzehn bis neunzehn Jahre zurückliegender Mordfall in Frage komme, es sei denn, daß ein Nagel

oder ähnlicher runder, spitzer Gegenstand erst nach erfolgtem Tod in die Schädeldecke getrieben worden sei. Aber welchen Sinn sollte das gehabt haben?

Aus dem Zustand des Schädels und der nun ebenfalls genau untersuchten anderen Teile des Skeletts war zu schließen, daß es sich um eine damals etwa

fünfundzwanzigjährige weibliche Person handelte. Der Beginn der Erkundungsarbeit war einfach. Leutnant Lorenz konnte den Unterlagen der

Friedhofsverwaltung mühelos entnehmen, daß in der Grabstätte Nr. 1265 am 18.November 1944 die Ehefrau Klara Wyrbatz geborene Klonke, vierundzwanzig

Jahre alt, beigesetzt worden war. Auch eine Durchschrift des Totenscheins war noch vorhanden. Er war ausgestellt von einem Dr.med. Lacknitz,

Berlin-Weißensee; als Todesursache war angegeben: innere Verletzungen infolge Bombenexplosion.
Doch damit rissen alle Spuren zunächst ab, denn das Archiv des zuständigen Standesamts war 1945 ausgebrannt.
Oberleutnant Becker, der Unermüdliche, forschte nach dem Arzt Lacknitz. Doch der war 1949 gestorben. Von mehreren ehemaligen Patienten wurde er als

gewissenhafter und freundlicher alter Herr geschildert. Den Nazis habe er, fügten einige hinzu, bestimmt nicht nahgestanden.
„Wenn wir die Zeitumstände berücksichtigen”, sagte Hauptmann Brückner bei der Dienstbesprechung, „vor allem die Bombennächte mit den vielen Toten und

Verletzten, die Überbeanspruchung der Ärzte, dann ist diesem Doktor Lacknitz, der damals bereits den Siebzigern nah war, kaum vorzuwerfen, daß er den

Totenschein leichtfertig ausstellte. Wir dürfen vielmehr annehmen, meine ich, daß er getäuscht wurde.”
Der nächste Schritt war, den Ehemann der Ermordeten ausfindig zu machen. Becker versuchte es mit all seiner oft gerühmten Sorgfalt. Aber ein Wyrbatz

war seit 1945 nirgends in Berlin gemeldet. Also wahrscheinlich gefallen oder gestorben. Allzuviel Zeit und Mittel konnte Brückner nicht für diesen

weit zurückliegenden, offensichtlich hoffnungslosen Fall aufwenden; es gab Wichtigeres.
Lorenz hörte in der Nachbarschaft der ehemaligen Wohnung des Dr. Lacknitz herum. „Es ist ja nicht anzunehmen”, erklärte er, „daß sich das Ehepaar

Wyrbatz von einem Arzt behandeln ließ, der in einem anderen Stadtteil wohnte.” Aber all sein Eifer war zunächst vertan. Obwohl der Name Wyrbatz nicht

gerade alltäglich ist, erinnerte sich niemand.
Doch endlich stieß der unermüdliche Lorenz auf einen Metzger. „Ja”, sagte der, „die Frau hat damals bei mir gekauft. Es war so eine mittelgroße,

schlanke Blondine, bildhübsch, ich schätze so um die Zwanzig herum. Ihr Mann war bei der Wehrmacht, glaube ich.”
Lorenz hatte Mühe, seine Freude zu verbergen. „Und wo wohnte sie?” fragte er zuversichtlich. „In der Bizetstraße, da, wo heute die Neubauten stehen.

Das Haus, wo die Wyrbatzens drin wohnten, das ist bei dem großen Bombenangriff Mitte November völlig in Klump gehauen worden.”

Lorenz machte ein langes Gesicht. Die Spur war tot. Wozu noch länger suchen?
Der Ehemann sei, wie der Metzger sagte, „bei der Wehrmacht” gewesen. An ihn, an sein Aussehen, seinen Dienstgrad erinnerte er sich überhaupt nicht.

„Ich habe ihn nur ein- oder zweimal flüchtig gesehen.”
Ob das im November 1944 gewesen wäre? Der Mann zuckte die Achseln. „Du meine Güte, wie soll ich das heute noch wissen? Ich nehme an, er ist gefallen,

sonst wäre er doch wiedergekommen.” Lorenz gab auf.
Nicht aber der zähe und geduldige Becker. Er ließ über Fernschreiben in der ganzen Republik nach Wyrbatz, Vorname unbekannt, fahnden. Und er hatte

Erfolg. Konrad Wyrbatz, Möbeltischler, neunundvierzig Jahre alt, in zweiter Ehe verheiratet mit Waltraut Wyrbatz geborene Hönsgen, war, zugezogen von

Berlin, in Leipzig seit Februar 1946 ordnungsgemäß gemeldet.
Nun traf es sich, daß Brückner wegen einer anderen Angelegenheit in die Messestadt fahren mußte. Er nutzte die Gelegenheit und machte sich unauffällig

mit den Lebensumständen des Tischlers Konrad Wyrbatz bekannt. Dieser arbeitete in einer volkseigenen Möbelfabrik, war Brigadier, hatte einen guten Ruf

bei Kollegen und Hausbewohnern. Peter Brückner paßte Wyrbatz in der Nähe seiner Wohnung ab. Mit einem Ausruf gespielter Überraschung hielt er ihn an.

„Sie sind doch … entschuldigen Sie … Sie sind doch Herr Wyrbatz?”



Treten Sie näher!

Author: admin
03 18th, 2008

Ich entließ ihn. Es bestand keine Fluchtgefahr. Und so merkwürdig es klingt, trotz der gravierenden
Fingerabdrücke auf der Schachtel waren mir Zweifel gekommen. Oder war es nur Mitleid mit dem schrecklich entstellten, gehemmten Mann, der einen so

bescheidenen, ruhigen Eindruck machte? Die Auskunft, die wir von der Leitung der Strafanstalt einholten, lautete sehr günstig. Von seiner früheren

Arbeitsstätte, einer Möbelfabrik, lagen in der Gerichtsakte einige lobende Charakteristiken; Züppling war mehrfach Aktivist gewesen. Arbeitskollegen,

die Lorenz befragt hatte, bezeichneten ihn als gutmütig und hilfsbereit, nur zum Jähzorn neige er manchmal. Die Entfernung vom Tatort bis nach Treptow

war beträchtlich, die Fahrverbindung schlecht. Doch all das konnte ihm nicht helfen. Denn abends rief mich der Chefarzt des Krankenhauses an, wo Frau

Hockunder lag. Die Patientin hatte ein paar Worte sprechen können. Der Einbrecher, sagte sie, immer noch schaudernd, habe ein gräßliches „Feuermal”

auf der linken Gesichtshälfte gehabt „und glühende Augen wie ein Teufel”. „Haben Sie seinen Gesichtsausdruck erkennen können?”
Sie schüttelte den Kopf. „Nein, ich sackte sofort ab.”
Der Haftbefehl wurde ausgestellt. „Soll ich die Wohnung des Dieter Hockunder trotzdem noch durchsuchen?” fragte mich Lorenz. Wir hatten die Erlaubnis

dazu nur erwirken können, weil wir glaubhaft geltend machten, daß er der Mittäterschaft dringend verdächtig sei. Wir hofften, bei ihm oder seiner

Geliebten einen Teil des geraubten Geldes zu finden.
Leutnant Lorenz fand mehr. Und nun saß Dieter Hockunder vor uns.
„Sie haben”, fragte ich, „nach Ihrer Entlassung aus der Strafanstalt mit Züppling zunächst einen kleinen Bummel gemacht?” „Allerdings …”
„Dabei haben Sie geraucht. Die Zigarettenschachtel Züpplings haben Sie sich dann eingesteckt.” „Ich? Warum sollte ich? Das ist doch …” „Schlau -

dachten Sie. Weil wir darauf bestimmt Fingerabdrücke Züpplings finden würden.” Er wurde blaß. Aber frech sagte er: „So ein Quatsch.”

Ich wickelte aus einem Papier mehrere Schminkstifte:
hellrot, altrot, blau und schwarz. „Sehen Sie, Hockunder, das haben wir in der Schublade des Küchentischs gefunden. Die Stifte sind noch frisch und

unlängst benutzt worden. Wie man sich schminkt, haben Sie ja während Ihrer Tätigkeit als Komparse kennengelernt. Sie rechneten mit der Schockwirkung

des Feuermals, und leider hatten Sie damit recht. Sie konnten auch nicht warten, bis Ihre Mutter zur Markthalle unterwegs war, denn die Wohnungstür

hat ein Sicherheitsschloß. Das Geld, das Sie raubten, fanden wir in der Manteltasche Ihrer Geliebten. Wollen Sie noch leugnen?”
Er machte keinen Versuch mehr. Wir hatten ihn überführt.
Den Haftbefehl für den Mann mit dem Feuermal konnte ich zerreißen.

Die beiden Totengräber unterhielten sich wie ihre Berufskollegen in Shakespeares „Hamlet”, nur nicht ganz so philosophisch, denn sie wollten schnell

fertig werden. Am abendlichen Himmel wetterleuchtete es, jeden Augenblick konnten die ersten Regentropfen fallen. Es war ein verwahrlostes Grab, das

von ihnen geräumt wurde, um einen neuen stillen Gast aufzunehmen.
Ede Kluppke verschnaufte einen Augenblick und sah dabei auf den Totenschädel, den Karl Duffhaus kurz zuvor seitwärts auf den Sandhügel geworfen hatte

und der von dort zwischen die verwilderten Efeuranken des Nachbargrabs gerollt war. Da lag er nun kalkigweiß und starrte ihn aus schwarzen Augenhöhlen

an. Das ließ Ede natürlich völlig gleichgültig. Er griff wieder zur Schaufel, da stutzte er. Der Kopf bewegte sich. Das war sonderbar. Ede Kluppke

erschrak keineswegs, sondern sagte nur zu seinem Kollegen Duffhaus: „Kiek mal, Karle.” Tatsächlich, der weiße Schädel hob und senkte sich. Duffhaus,

der nach oben geklettert war, hob ihn neugierig auf. Eine dicke Kröte hüpfte fort; sie hatte, unter den Schädel gekrochen, die Bewegung verursacht.

„Ach so”, brummte er. Aber da er den Schädel nun schon in der Hand hatte, sah er ihn sichgenauer an. „Hat noch alle Zähne”, stellte er fest, „war wohl

noch ‘n ziemlich junger Mensch.” Damit wollte er den Schädel wieder achtlos zu den anderen Knochenresten werfen, aber da entdeckte er etwas

Befremdliches. „Wat is’n det?” fragte er verwundert, denn da war ein schwarzer Punkt auf der glatten weißen Schädeldecke.
„Zeig mal”, sagte Ede und rieb mit dem angefeuchteten Daumen über die kupplige Knochenpartie. Nein, es war kein Fleck - es war ein Loch: kreisrund,

nicht größer als einen oder zwei Millimeter, also keinesfalls ein Einschuß.



Ich tat es gern.

Author: admin
03 18th, 2008

Wir bemühten uns vergeblich, festzustellen, wieviel Geld dem Einbrecher in die Hände gefallen war. Es konnten mehrere tausend Mark, aber ebensogut

auch nur ein paar hundert sein. Über ihr Geld hätte die eigenbrötlerische, mißtrauische Alte mit niemand gesprochen. Und jetzt konnte sie es nicht.

Der Arzt ließ uns nicht zu ihr.
Es gab keine auswertbaren Spuren. Fingerabdrücke fehlten ganz. Der Deckel des Blechkastens war mit einem großen Messer oder starken Schraubenzieher

aufgesprengt worden; das Werkzeug hatte der Täter mitgenommen.
Der Einbruch mußte früh gegen halb sechs Uhr geschehen sein, denn der Karren war schon aus dem Hof vor die Ladentür gezogen worden, und Frau Hockunder

trug, als sie gegen acht Uhr in ihrem Hinterzimmer gefunden wurde, Jacke und Kopftuch, sie war also im Begriff gewesen, zur Zentralmarkthalle zu

fahren.
Dem Dreher Haselbreck, wohnhaft im ersten Stock, war es, als er das Haus verlassen wollte, aufgefallen, daß die Tür des Hinterzimmers offenstand. Das

war so ungewöhnlich, daß er hineinsah und Frau Hockunder regungslos am Boden liegend fand. Er hielt sie für tot und alarmierte sofort das nahe

gelegene Volkspolizeirevier.
Das war alles, was man mir und meinen beiden Mitarbeitern als Tatsachenmaterial übergeben konnte. Es war mehr als dünn.
Ich durchsuchte noch einmal gründlich den Tatort. Aber ich fand nichts, es sei denn, man wolle eine halbvolle Zigarettenschachtel mit mehreren

prägnan.

Ich beauftragte Becker, die betreffenden Unterlagen einzusehen.
Mit Lorenz machte ich mich auf die Spur des unbekannten Mannes, der, wenn nicht alles täuschte, der Täter sein konnte. Das war ein ziemlich

aussichtsloses und vor allem zeitraubendes Beginnen. Wer aus der Nachbarschaft, fragten wir uns, konnte so früh am Morgen auf der Straße gewesen sein

und etwas bemerkt haben? Das Ereignis war natürlich zum Tagesgespräch geworden, und so meldeten sich drei weitere Zeugen. Zwei waren um sechs Uhr oder

etwas später am Ende der Straße einem Mann begegnet, der sehr schnell gegangen war. Ihre Personenbeschreibung war ebenso allgemein wie die des

Mitropa-Kellners; einen Schal hatten sie nicht bemerkt. Wohl aber der dritte Zeuge, ein Straßenfeger, der in der Querstraße seine Arbeit um fünf Uhr

begonnen hatte. An ihm war der Mann gegen halb sechs langsam vorbeigegangen. Die Aussage klang phantastisch: ,,Er hat seinen Schal seitwärts an den

Kopf gehalten, weil der ganz blutig war. Das habe ich deutlich gesehen, das Blut. Ich kann’s beschwören.” Ob er sich denn darüber keine Gedanken

gemacht habe?
„Nee; ich dachte, der is besoffen und is hingefallen, da hat er sich das weggeholt. So ‘ne ramponierten Nachtbummler sieht unsereins ja öfter.” Mit

der Personenbeschreibung haperte es. „Nich sehr groß, ‘ne Mütze hatte er auf, der Anzug war, wenn ick mir richtig erinnere, dunkelblau, nich mehr

neu.” Das half uns immerhin etwas weiter; wir konnten nun einen Mann suchen, der am Kopf eine verharschte

Wunde oder zumindest Schrammen aufwies, vielleicht sogar einen Verband trug. Lorenz mußte weiter in der Nachbarschaft herumhorchen. Becker erstattete

eine aufregende Meldung: Dieter Hockunder war zwei Tage zuvor aus der Strafanstalt entlassen worden. Nun besaßen wir sein Foto, seine Fingerabdrücke,

seine Personenbeschreibung (mit dem stets enttäuschenden Vermerk: „Besondere Kennzeichen - keine”) und seinen Lebenslauf einschließlich aller früheren

Straftaten. Dieter Hockunder wurde als verschlagen, rücksichtslos und arbeitsscheu charakterisiert, als wenig intelligent, aber gerissen. Er war in

mancherlei Gelegenheitsberufen tätig gewesen, unter anderem im Zirkus als Requisiteur, auf dem Rummelplatz in einer Glücksbude, als Losverkäufer, im

Film und in der Staatsoper als Komparse und kurze Zeit als Gußputzer. Oberleutnant Becker hatte auch schon ermittelt, wo er sich aufhielt: in Köpenick

bei einer früheren Geliebten, zehn Jahre älter als er, ihm blind ergeben, mit fragwürdigem Ruf. Wir konnten uns den jungen Mann also, wenn wir über

genügend Beweismaterial verfügten, jederzeit greifen.
Doch damit war es leider schlecht bestellt. Die Fingerabdrücke auf der Zigarettenschächtel stammten einwandfrei nicht von ihm; allerdings hatten wir

auch kaum erwartet, daß dieses außerhalb des Hauses aufgelesene Fundstück etwas mit der Sache zu tun habe. Seine Geliebte, von Lorenz geschickt

befragt, verschaffte Dieter überdies ein volles Alibi: Er hatte sich zur fraglichen Zeit bei ihr in der Wohnung aufgehalten. Das konnte natürlich eine

Lüge sein, war Ausspannen wollen. Aus Daffke. Er machte Witze über mein Gesicht. Da bin ich auf ihn los, und … und … da ist es eben passiert.”



Verjährt?

Author: admin
03 18th, 2008

Da brach sie zusammen. Sie erlitt einen Weinkrampf. Dann gestand sie, ohne noch Ausflüchte zu versuchen.
Vor etwa einem Vierteljahr hatte sie erkannt, daß ihre Kollegin Haßlang zwar ein schwer gehemmter, aber überaus lebenshungriger Mensch war. Manuela

hatte aus irgendeinem Grund Vertrauen zu ihr gefaßt. Ihre große Sehnsucht war, einen Mann zu haben. „Uschi” hingegen benötigte dringend Geld, ihr

Geliebter bedrängte sie: Zum gemeinsamen Glück gehöre ein Wartburg, zumindest ein Trabant. Er heckte den Plan mit den Unterschlagungen aus. Aber seine

„Uschi” hatte nichts mit Postanweisungen und anderen Einzahlungen zu tun. Da verfielen sie auf Manuela Haßlang.
Ursula Behling überredete sie zunächst, was gar nicht so leicht war, mit ihr tanzen zu gehen. Sie wisse, sagte sie, wohin „seriöse Freier” kämen.

Manuela gab nach. Arne Kobald spielte, wie zufällig von einem anderen Tisch herankommend, eine Zeitlang den interessierten Liebhaber Manuelas. Sie

geriet außer sich. Nunmehr fiel es Frau Behling verhältnismäßig leicht, sie zu den Unterschlagungen zu überreden. Anfangs waren es nur 60 und 90 Mark,

notfalls vom Gehalt zu ersetzen. Doch die gemeinsamen Ausflüge wurden zunehmend kostspieliger. Arne Kobald blieb weg, Uschi ebenfalls.
Manuela ging immer öfter allein tanzen, spät erwachte Sexualität ließ sie alles andere vergessen. Männer, meist jünger als sie, ließen sie, oft unter

durchsichtigen Vorwänden, die Zeche bezahlen. Sie tat es gern und voll wirrer Hoffnung. Das bis dahin unterschlagene Geld war ohnehin nicht mehr zu

ersetzen. Ursula Behling begann zu erpressen. Mit Erfolg. Denn nichts schien der bis dahin vorbildlich Korrekten entsetzlicher als die angedrohte

Aufdeckung ihres Betrugs. Sie zahlte und zahlte und wurde immer sexualhungriger, gleichzeitig wuchs ihre Angst ins Sinnlose; sie sah keinen Ausweg

mehr. Die Erpresserin heuchelte Verzweiflung: „Wenn es herauskommt, sind wir beide geliefert!” „Was dann?” fragte Manuela und wurde blaß. „Dann mache

ich Schluß”, antwortete Uschi. „Mit dem hier.” Sie zeigte Manuela das Gift. „Von einem guten Freund. Ich kann noch mehr davon kriegen. Man ist

ruhiger, wenn man so was zur Hand hat.” „Gib es mir!” rief Manuela. „Meinetwegen, da, nimm.”
Alles Weitere verlief, wie es die Erpresser geplant hatten. Der Brief, den der junge Mann aus Gefälligkeit - er gehörte ins Haus und war deshalb dem

Personal nicht aufgefallen - an den Tisch gebracht hatte, enthielt außer ein paar sentimentalen Abschiedsphrasen Uschis die Mitteilung, sie mache

Schluß, soeben sei der Betrug entdeckt worden; wenn Manuela nach Hause komme, warte dort schon die Polizei auf sie. Da zog die unglückliche Frau die

vermeintlich einzig mögliche Konsequenz.
Arne Kobald und Ursula Behling wurden gerichtlich zu einer anderen gezwungen.

Frau Frieda Hockunder, Gemüsehändlerin, vierundsechzig Jahre alt, lag vernehmungsunfähig im Krankenhaus. Ihr war kaum Gewalt angetan worden, denn die

geringen Hautabschürfungen am rechten Unterarm und eine leichte Schramme auf der Stirn hatte sie sich, wie die Ärzte meinten, beim Fall zugezogen.

Ursache des Falls war ein Herzinfarkt, hervorgerufen durch Schockwirkung. Der Einbrecher mußte sie furchtbar erschreckt oder bedroht haben. Denn

mehrere Nachbarn, sofort als Zeugen befragt, sagten übereinstimmend aus, daß Frau Hockunder alles andere als nervenschwach sei, im Gegenteil, sie

wurde von manchen sogar gefürchtet wegen ihrer robusten Kratzbürstigkeit.
Trotzdem kaufte man nicht ungern bei ihr, denn sie war überaus rührig beim Beschaffen frischer Ware; bei jedem Wetter frühmorgens, noch in der

Dunkelheit, schaffte sie das erste Gemüse, die ersten Früchte der Jahreszeit in ihrem Karren heran. Das kleine Geschäft ging gut.
Auch das war charakteristisch für sie: Trotz mancher Warnung brachte sie größere Summen nicht zur Bank, sondern verwahrte sie in ihrem Zimmerchen

gleich hinter dem Laden in einem Blechkasten. Er war erbrochen und geleert worden.



Der Schock.

Author: admin
03 18th, 2008

Ich konfrontierte Herrn Lange mit der Garderobenfrau. Sie erinnerte sich sogleich. Bestätigte sie, „dieser Herr ist später

weggegangen als die Dame. Richtig, sie hat sich vorher von ihm verabschiedet und ist allein weggegangen. Ich dachte noch: Die gehören nicht zusammen,

deshalb hat er auch nicht protestiert, daß er länger auf seine Garderobe warten mußte.”
Damit war gerade die Spur, von der wir Entscheidendes erwartet hatten, restlos „kalt” geworden. Aber so ist es oft in der Kriminalistik: Je mehr Licht

auf einen Fall fällt, desto dunkler wird er. So wie hier. Wir saßen fest. Es nützte uns auch nichts - im Gegenteil, es schnitt die letzten dünnen

Fäden ab -, als Becker zweifelsfrei feststellte, daß Manuela Haßlang weder ein Bankguthaben noch ein Sparbuch besessen hatte.
Der Fall hätte wahrscheinlich als unaufklärbar abgelegt werden müssen, wäre nicht eine verblüffende Meldung vom Leiter des Postamts, wo die Tote so

überaus korrekt gearbeitet hatte, an uns gelangt: Fräulein Haßlang hatte in knapp drei Monaten über 19000 Mark unterschlagen! Glücklicherweise wandte

sich der Leiter, ohne im Betrieb darüber etwas verlauten zu lassen, unmittelbar an uns. Nur wenige Zeugen handeln so überlegt.
Fräulein Haßlang war nicht ungeschickt und letztlich doch unglaublich primitiv vorgegangen. Sie hatte kontinuierlich Summen zwischen 60 und 930 Mark,

die auf Postanweisungen eingezahlt worden waren, unterschlagen, wobei sie den jeweiligen Betrag immer erst dann in bar an sich nahm, wenn sie ihn aus

den nächsten Einnahmen pro f orma abdecken konnte. Die üblichen Routinekontrollen fanden deshalb stets ihren Kassenbestand mitsamt Belegen in Ordnung.

Eine tiefer greifende Prüfung unterblieb leider. Wer das vorbildlich arbeitende Fräulein Haßlang auch nur andeutungsweise zu verdächtigen gewagt

hätte, wäre als bösartig oder zumindest als Verleumder angesehen worden. Trotzdem war das Betrugs verfahren kindisch: Die veruntreute Summe wuchs

rapid von Woche zu Woche, von Monat zu Monat, eines Tages mußte das Ganze unweigerlich platzen und mit der Verhaftung Manuelas enden. Daran konnte sie

nach ihrer langjährigen Berufserfahrung eigentlich kaum gezweifelt haben.
Endlich hatten wir also ein Selbstmordmotiv: Angst vor der Entdeckung. Doch woher kam das Gift? Und warum hatte die Angst abends im Tanzlokal ihren

Kulminationspunkt erreicht? Konnte in dem Brief, den der junge Mann brachte, gestanden haben, der Betrug sei entdeckt worden, alles sei nun aus?

„Nein”, erklärte uns der Leiter des Postamts selbstkritisch, „leider nicht. Er wurde ja erst später entdeckt.”
„Wäre es denkbar, daß ein Mitarbeiter ihr auf die Spur gekommen ist und sie erpreßte, etwa mit der Drohung, sie anzuzeigen?”
Der Zeuge schüttelte den Kopf. „Nein”, sagte er entschieden, „wer sollte wohl so dumm sein? Kein Postangestellter konnte zweifeln, daß die Sache eines

Tages platzt, und dann hätte er ja als Erpresser noch schlimmer mit dringesessen.”
Der Überbringer des Briefs blieb unauffindbar. Für unser Kollektiv begann nunmehr eine neue Periode unermüdlicher Kleinarbeit. Mit besonderer

Behutsamkeit und viel Takt mußten sämtliche Angestellte des Postamts, ihre familiären Verhältnisse, Neigungen, Freizeitgestaltung und Freundschaften

überprüft werden. Nach einer Woche hielten wir wertvolle Hinweise in der Hand. Ein Lehrling, oft als Telegrafenbote eingesetzt, erzählte Lorenz

unbefangen, daß er Fräulein Haßlang zweimal - „schnieke in Schale die Olle” -zusammen mit einer Angestellten vom Paketschalter - „Uschi heißt sie” -

und einem Mann - „so an die Fünfunddreißig, Vierzig, möcht’ ich sagen” - zufällig begegnet sei, „einmal am Eingang der U-Bahn, und einmal saßen sie zu

dritt in einem Taxi”. Ein anderer Hinweis war noch aufschlußreicher: „Uschi”, mit vollem Namen Ursula Behling, die Kollegin vom Paketschalter,

einunddreißig Jahre alt, zweimal geschieden, wohnte möbliert. Ihre Wirtin, sehr gesprächig, erzählte mir - „ganz im Vertrauen, Herr ßrückner” -, daß

ihre Untermieterin sehr oft mit ihrem Freund Arne Kobald, beschäftigt in einem veterinärmedizinischen Institut, „groß ausgehe”. Früher hätten sie

öfter noch eine Freundin - „schon ein älteres Semester so wie ich”-mitgenommen. „Sie scheint aber Pinkepinke zu haben.” Ursula Behling hatte bei ihrer

ersten Befragung nicht nur verschwiegen, daß sie mit Manuela Haßlang befreundet war, sondern betont: „Wir haben,uns kaum gekannt. Mit ihr war kein

Kontakt zu finden. Und dann der Altersunterschied, nicht wahr?” Jetzt sah ich Licht.
Kurzerhand bestellte ich sie ins Polizeipräsidium. Schon bei den üblichen Fragen zur Person war sie auffallend nervös. Da wagte ich einen

Überrumplungsversuch: „Was stand in dem Brief, der Fräulein Haßlang an den Tisch geschickt wurde? Das Gift hat Ihnen doch Ihr Freund Arne Kobald

besorgt, oder nicht?”



Ja, das stimmt.

Author: admin
03 18th, 2008

Ein erstaunliches Ermittlungsergebnis brachte uns Becker: Fräulein Haßlang war seit mehr als zehn Jahren in einem mittelgroßen Postamt tätig gewesen.

Die dortigen Kolleginnen und Kollegen wollten kaum glauben, daß die stille, überaus fleißige, manchmal pedantische und altjüngferlich empfindsame

Manuela Haßlang überhaupt jemals tanzen gegangen sei, das passe - wie übrigens auch ihr bombastischer Vorname - absolut nicht zu ihr. Ob sie beliebt

gewesen sei? Von allen Befragten sinngemäß die gleiche Antwort: Beliebt sei nicht das richtige Wort, wohl aber geachtet.

Manuela Haßlang habe sich stets, ohne unfreundlich zu sein, abseits gehalten, sich nie in Privates gemischt und in Versammlungen nur zu postalischen

Angelegenheiten sachlich, manchmal sehr kritisch gesprochen.
Die Durchsuchung ihrer kleinen Wohnung - alles überaus sauber, da und dort Altmodisches - ergab wenig. Auffallend war lediglich die Qualität und Art

ihrer Wäsche, diese war alles andere als altjüngferlich. Briefe wurden keine gefunden, auch, was bei Selbstmördern selten vorkommt, kein

Abschiedsbrief.
Niemand wählt den Freitod ohne starkes Motiv. Aber bis jetzt stand nur eines fest: Manuela Haßlang hatte, geschickt getarnt, ein Doppelleben geführt.

Wir verfügen natürlich über gewisse Erfahrungen. Das lückenhafte Material, was uns vorlag, deutete -allerdings sehr unbestimmt - auf einen Fall von

Heiratsschwindel mit tragischem Ausgang. Was sprach dafür? Das überalterte Fräulein war auf der Suche nach einem Mann gewesen. Indizien besagten es:

ihre Reizwäsche, ihr apartes Kleid, das sie im Dienst so wenig trug wie ihr wertvolles Ohrgehänge. Sodann die Tatsache, daß sie gerade in diesem

Tanzlokal, einem bekannten „Treffpunkt der reiferen Jugend”, mit verschiedenen Partnern gesehen worden war.
Ihr Doppelleben schien in diesem Zusammenhang typisch. Die unansehnliche Frau hatte schwere Hemmungen, ihr Verhalten im Dienst war deshalb, wie die

Psychologen sagen, eine Überkompensation. Frauen, die auf Heiratsschwindler hereinfallen, und das sind leider mehr, als man gemeinhin annehmen möchte,

haben entweder immobilen Besitz - eine schöne Wohnung, ein Haus, ein Geschäft - oder aber, von Heiratsschwindlern weit mehr geschätzt, Ersparnisse.

Denn dabei ergeben sich beim Abheben keine nennenswerten Schwierigkeiten, vor allem kann der Betrüger mehrere Opfer hintereinander oder sogar

gleichzeitig ausplündern. Meist schämen sich die Opfer, Anzeige zu erstatten.
Ich beauftragte Becker, umgehend zu ermitteln, ob und wo Fräulein Haßlang Geld deponiert gehabt hatte. Daß es inzwischen abgehoben worden war, schien

uns gewiß. Deshalb konnte auch der Mann, der sie in den Tod getrieben oder ermordet hatte, seinem Opfer den Schmuck und die 70 Mark belassen. Wie aber

war Fräulein Haßlang - als Postangestellte - zu dem tödlichen Gift gekommen? Ihr Liebhaber konnte es ihr als Praline oder als Medikament ausgehändigt

und sich dann schnell entfernt haben. Denn es war doch sehr merkwürdig, daß eine Frau von der Art Manuela Haßlangs, falls sie sich bewußt

selbst töten wollte, dies nicht möglichst unauffällig daheim getan haben sollte statt in einem öffentlichen Park. War sie dorthin allein gegangen?

Oder mit einem Erpresser? Ihrem Mörder? Wenn es uns gelänge, den ominösen Tanzpartner ausfindig zu machen, wären wir bestimmt einen großen Schritt

weiter. Welchen Beruf hatte dieser Mann? Vielleicht Chemiker, Mediziner oder dergleichen?
Er war - Bäckermeister, Inhaber eines kleinen Geschäfts. Wir brauchten ihn gar nicht aufzuspüren,er meldete sich sofort selbst, als er vom Tod

Manuela Haßlangs erfuhr. Er war entsetzt über den Selbstmord. Seine Aussage war klar, nachprüfbar und warf alle unsere Kombinationen über den Haufen.

Er hieß Manfred Lange und war seit fünfzehn Jahren verwitwet. Ein Freund hatte ihm den Besuch des Tanzlokals angeraten, es sei, wie der Ratgeber sich

ausdrückte, der „ideale Heiratsmarkt, ganz unverbindlich und überdies vergnüglich”. Als Herr Lange seine Garderobe abgab, traf er dort zufällig mit

Fräulein Haßlang zusammen. Beide betraten, ohne sich miteinander bekannt gemacht zu haben, den Saal und setzten sich abseits an einen kleinen Tisch,

weil gerade kein anderer frei war. Erst dort kamen sie ins Gespräch. Sie tanzten auch öfter. Unterhalten hätten sie sich über lauter Alltagskram,

keiner von beiden habe detailliert über seine persönliche Situation gesprochen. „Ich sagte nur, ich sei Geschäftsmann, Witwer, und sie sagte, sie sei

Angestellte und ledig, das war in dieser Hinsicht so ziemlich alles. Die Frau gefiel mir nicht. Ich war auch sehr enttäuscht von dem angeblichen

Heiratsmarkt. Gegen Mitternacht gingen wir zur Garderobe. Sie ließ sich ihre Sachen geben. Ich mußte noch warten, weil sich ein offenbar angeheitertes

Paar zwischen uns gedrängt hatte. Sie verabschiedete sich, und das war mir sehr lieb, denn ich brauchte sie nicht zu begleiten. Vielleicht”, schloß er

achselzuckend, „wäre es besser gewesen, und sie lebte noch.” Ich fragte den Zeugen, ob ihm im Benehmen oder Wesen der Frau etwas aufgefallen wäre.

„Ja”, antwortete er. „Aber erst später, so gegen halb zwölf. Ich war austreten gegangen, und als ich zurückkam, zerriß sie ein Stück Papier in ganz

kleine Fetzen, die sie - was mir übrigens ein Greuel ist - in den Aschbecher warf. Vorher war sie ganz ruhig, ich möchte sagen normal, gewesen, aber

von nun an tat sie übertrieben lustig, zwischendurch aber starrte sie minutenlang vor sich hin, wie abwesend. Wir tanzten noch zweimal, aber das war

alles andere als ein Vergnügen.”



„Nein.” Donner schüttelte den Kopf. „Nein, eigentlich nicht. Bestimmt nicht. Ich weiß heute noch nicht, was ich wollte. Ich drehte durch. Vielleicht

dachte ich: Du mußt verhindern, daß der Alte schreit. Ich faßte ihn unters Kinn und hob seinen Kopf hoch. Ich drückte ihn gegen die Rücklehne des

Ohrensessels. Da erschrak ich furchtbar, denn das Gesicht war zum Fürchten: ein Auge zu und das andere ganz weit auf, als wollte es rausspringen, und

der Mund schief gezogen, die Kinnlade hing ‘runter wie manchmal bei einem Knockout.”
„Warum haben Sie den Strick nicht sofort entfernt? Das hätte doch nahgelegen.”
„Ich weiß es nicht, ich weiß es wirklich nicht, Herr Kriminalkommissar; Folkmann atmete noch, es war, wie wenn eine Ratte pfeift. Mir gruselte es. Mit

so was hatte ich überhaupt nicht gerechnet. Ich sollte noch die Kunstmappen in einer Kommodenschublade suchen, aber dazu hatte ich nicht mehr die

Nerven. Nur rasch weg, dachte ich. Ich hängte das Gemälde ab und verließ das Haus.”
„Die Tür zogen Sie hinter sich zu, den Schlüssel hatten Sie von innen steckenlassen.” Donner nickte. „Leider ja”, sagte er. „Erst als ich über den

Steg lief, überlegte ich, ob es, wenn Folkmann etwas Ernsthaftes zugestoßen war, nicht besser gewesen wäre, die Tür weit offenzulassen.” „Wir werden

sehen, Herr Donner”, sagte ich, „ob der Staatsanwalt sich in seiner Anklage auf den schweren Einbruchsdiebstahl beschränken oder ob er Sie nicht

zusätzlich wegen Totschlags oder Bedrohung mit tödlichem Ausgang belangen wird. Daß Sie Herrn Folkmann, wenn auch indirekt, ermordet haben,

sollte Ihnen Ihr Gewissen sagen.” Meine juristisch wenig fundierte Moralpredigt machte jedoch keinen Eindruck auf ihn. Er zuckte nur die

Achseln und fragte, ob er rauchen dürfe.

Der Tatbestand schien einfach, nur das Motiv fehlte. Die achtundvierzigjährige unverehelichte Postangestellte Manuela Haßlang hatte Selbstmord

begangen. Sie wurde frühmorgens in einem dichten Parkstreifen nah einem Vergnügungslokal gefunden. In ihrer Handtasche befanden sich rund 70 Mark, sie

trug noch Ring und Ohrgehänge, beides von einigem Wert. Der Obduktionsbefund besagte: Vergiftung durch eine Zyanverbindung.
Die ersten Ermittlungen meines Mitarbeiters Lorenz ergaben wenig. Die nicht sehr ansehnliche Frau hatte bis etwa vierundzwanzig Uhr in dem Tanzlokal,

das fast ausschließlich von der älteren Generation frequentiert wurde, den ganzen Abend (etwa seit neunzehn Uhr) mit einem Mann, schätzungsweise

fünfundvierzig Jahre alt, an einem Tisch gesessen und mehrmals mit ihm getanzt. Weder die Kellnerin noch andere Befragte konnten mit Bestimmtheit

sagen, ob beide das Lokal gemeinsam verlassen hatten. Der Mann, sagten die Büfettfrau und zwei Stammgäste aus, sei vordem nie im Lokal bemerkt worden,

die Frau jedoch öfter, und zwar jedesmal in Abständen mit einem anderen Partner, im Verlauf ungefähr eines Vierteljahrs mit drei oder vier

verschiedenen Männern. Diese konnten nur ungenau beschrieben werden; auch die Beschreibung des letzten war dürftig. Er war dicklich, etwa zehn

Zentimeter kleiner als die Tote (was für uns hieß: ungefähr 1,65 m), unauffällig gekleidet, das Gesicht bartlos, Halbglatze, Haarfarbe unbestimmt.
Offenbar hatte niemand sonderlich auf das Paar geachtet, denn weitere Gäste, die Lorenz geschickt und schnell ausfindig machte - Witwer und Ehemänner,

Witwen und Geschiedene, unverheiratete ältere Semester sowie eine Ehefrau, deren Mann verreist war, insgesamt elf Zeugen -, sagten ziemlich

übereinstimmend aus, das Paar habe sich nicht gerade lebhaft unterhalten, hauptsächlich Walzer getanzt; Auffallendes hatte niemand bemerkt, lediglich

die erwähnte Strohwitwe wollte gesehen haben, daß halb zwölf Uhr ein junger Mann an den Tisch getreten sei. Er müsse wohl einen Brief abgegeben haben,

denn als er fort war, habe Manuela Haßlang ein Papier in der Hand gehabt und gelesen. Ihr Partner, meinte die Zeugin, habe zu dieser Zeit nicht am

Tisch gesessen.