Der Schock.


Ich konfrontierte Herrn Lange mit der Garderobenfrau. Sie erinnerte sich sogleich. Bestätigte sie, „dieser Herr ist später

weggegangen als die Dame. Richtig, sie hat sich vorher von ihm verabschiedet und ist allein weggegangen. Ich dachte noch: Die gehören nicht zusammen,

deshalb hat er auch nicht protestiert, daß er länger auf seine Garderobe warten mußte.”
Damit war gerade die Spur, von der wir Entscheidendes erwartet hatten, restlos „kalt” geworden. Aber so ist es oft in der Kriminalistik: Je mehr Licht

auf einen Fall fällt, desto dunkler wird er. So wie hier. Wir saßen fest. Es nützte uns auch nichts - im Gegenteil, es schnitt die letzten dünnen

Fäden ab -, als Becker zweifelsfrei feststellte, daß Manuela Haßlang weder ein Bankguthaben noch ein Sparbuch besessen hatte.
Der Fall hätte wahrscheinlich als unaufklärbar abgelegt werden müssen, wäre nicht eine verblüffende Meldung vom Leiter des Postamts, wo die Tote so

überaus korrekt gearbeitet hatte, an uns gelangt: Fräulein Haßlang hatte in knapp drei Monaten über 19000 Mark unterschlagen! Glücklicherweise wandte

sich der Leiter, ohne im Betrieb darüber etwas verlauten zu lassen, unmittelbar an uns. Nur wenige Zeugen handeln so überlegt.
Fräulein Haßlang war nicht ungeschickt und letztlich doch unglaublich primitiv vorgegangen. Sie hatte kontinuierlich Summen zwischen 60 und 930 Mark,

die auf Postanweisungen eingezahlt worden waren, unterschlagen, wobei sie den jeweiligen Betrag immer erst dann in bar an sich nahm, wenn sie ihn aus

den nächsten Einnahmen pro f orma abdecken konnte. Die üblichen Routinekontrollen fanden deshalb stets ihren Kassenbestand mitsamt Belegen in Ordnung.

Eine tiefer greifende Prüfung unterblieb leider. Wer das vorbildlich arbeitende Fräulein Haßlang auch nur andeutungsweise zu verdächtigen gewagt

hätte, wäre als bösartig oder zumindest als Verleumder angesehen worden. Trotzdem war das Betrugs verfahren kindisch: Die veruntreute Summe wuchs

rapid von Woche zu Woche, von Monat zu Monat, eines Tages mußte das Ganze unweigerlich platzen und mit der Verhaftung Manuelas enden. Daran konnte sie

nach ihrer langjährigen Berufserfahrung eigentlich kaum gezweifelt haben.
Endlich hatten wir also ein Selbstmordmotiv: Angst vor der Entdeckung. Doch woher kam das Gift? Und warum hatte die Angst abends im Tanzlokal ihren

Kulminationspunkt erreicht? Konnte in dem Brief, den der junge Mann brachte, gestanden haben, der Betrug sei entdeckt worden, alles sei nun aus?

„Nein”, erklärte uns der Leiter des Postamts selbstkritisch, „leider nicht. Er wurde ja erst später entdeckt.”
„Wäre es denkbar, daß ein Mitarbeiter ihr auf die Spur gekommen ist und sie erpreßte, etwa mit der Drohung, sie anzuzeigen?”
Der Zeuge schüttelte den Kopf. „Nein”, sagte er entschieden, „wer sollte wohl so dumm sein? Kein Postangestellter konnte zweifeln, daß die Sache eines

Tages platzt, und dann hätte er ja als Erpresser noch schlimmer mit dringesessen.”
Der Überbringer des Briefs blieb unauffindbar. Für unser Kollektiv begann nunmehr eine neue Periode unermüdlicher Kleinarbeit. Mit besonderer

Behutsamkeit und viel Takt mußten sämtliche Angestellte des Postamts, ihre familiären Verhältnisse, Neigungen, Freizeitgestaltung und Freundschaften

überprüft werden. Nach einer Woche hielten wir wertvolle Hinweise in der Hand. Ein Lehrling, oft als Telegrafenbote eingesetzt, erzählte Lorenz

unbefangen, daß er Fräulein Haßlang zweimal - „schnieke in Schale die Olle” -zusammen mit einer Angestellten vom Paketschalter - „Uschi heißt sie” -

und einem Mann - „so an die Fünfunddreißig, Vierzig, möcht’ ich sagen” - zufällig begegnet sei, „einmal am Eingang der U-Bahn, und einmal saßen sie zu

dritt in einem Taxi”. Ein anderer Hinweis war noch aufschlußreicher: „Uschi”, mit vollem Namen Ursula Behling, die Kollegin vom Paketschalter,

einunddreißig Jahre alt, zweimal geschieden, wohnte möbliert. Ihre Wirtin, sehr gesprächig, erzählte mir - „ganz im Vertrauen, Herr ßrückner” -, daß

ihre Untermieterin sehr oft mit ihrem Freund Arne Kobald, beschäftigt in einem veterinärmedizinischen Institut, „groß ausgehe”. Früher hätten sie

öfter noch eine Freundin - „schon ein älteres Semester so wie ich”-mitgenommen. „Sie scheint aber Pinkepinke zu haben.” Ursula Behling hatte bei ihrer

ersten Befragung nicht nur verschwiegen, daß sie mit Manuela Haßlang befreundet war, sondern betont: „Wir haben,uns kaum gekannt. Mit ihr war kein

Kontakt zu finden. Und dann der Altersunterschied, nicht wahr?” Jetzt sah ich Licht.
Kurzerhand bestellte ich sie ins Polizeipräsidium. Schon bei den üblichen Fragen zur Person war sie auffallend nervös. Da wagte ich einen

Überrumplungsversuch: „Was stand in dem Brief, der Fräulein Haßlang an den Tisch geschickt wurde? Das Gift hat Ihnen doch Ihr Freund Arne Kobald

besorgt, oder nicht?”



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