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Die ist verreist.


„Kommen Sie bitte mit hinauf”, sagte sie und ging die schmale, steile Holztreppe voran. „Von meinem Schlafzimmer aus können Sie es deutlich sehen.”

Ihr Häuschen war das einzige in der Kolonie, das ein Obergeschoß hatte.
Als Brückner an das Mansardenfenster treten wollte, hielt sie ihn aufgeregt zurück.,,Bitte nicht!” flüsterte sie heiser. „Bitte nicht, ich habe

Angst.” Nur ganz wenig schob sie den Vorhang beiseite und winkte Brückner heran. „Dort drüben hinter den beiden Stachelbeerbüschen.” Ihre Hände

zitterten. Eine starre Querfalte auf der Stirn hatte sich vertieft und wirkte wie mit einem Messer eingefurcht. Ihr penetrantes Parfüm überflutete

Peter Brückner, der eine tiefe Aversion gegen alle sogenannten Wohlgerüche hegte.
Was er draußen sah, war läppisch. Eine längliche Grube war ausgehoben, die man allerdings mit einiger Phantasie für eine Grabstätte halten konnte. „Ja

-und?” fragte er lächelnd.
„Vergangene Nacht hat er das ausgeschaufelt”, flüsterte sie. „Es war heller Mondschein. Ich habe es genau beobachtet.”
„Lassen Sie uns wieder nach unten gehen, Frau Burger”, sagte Brückner ruhig. „Dort werden Sie mir alles genau erzählen.” Sie erzählte. Stockend

und langsam, ohne ihr nervtötendes Geflüster aufzugeben, sprach sie zwischendurch plötzlich wieder wie gehetzt und nahezu unverständlich. Auf

Brückners behutsam eingestreute Einwände reagierte sie spürbar böse. So etwa, als er sie fragte: „Wie erklären Sie sich das, Frau Burger, daß Ihr

Nachbar Ledewandt erst vier Tage nach dem Mord das Grab schaufelte?” „Weil er die ganze Zeit schwer betrunken war.” „Woher wissen Sie das?”
„Weil ich es beobachtet habe! Er taumelte in seinem Garten herum. Vorgestern hat er von frühmorgens bis spätnachmittags wie tot vor seiner Tür

gelegen. Erkundigen Sie sich bei der Briefträgerin, sie kann es bestätigen.”
„Gut, Frau Burger”, sagte Brückner und ging zur Tür. „Wir werden Ihrer Anzeige gewissenhaft nachgehen.”
Sie krallte sich förmlich an ihm fest. „Aber lassen Sie mich dabei aus dem Spiel!’ schrie sie plötzlich schrill, und unvermittelt, als sei sie über

sich selbst erschrok-ken, flüsterte sie wieder: „Ich habe Angst! Ich habe furchtbare Angst vor dem Kerl …” Ihre Augenlider flatterten wie bei einer

Kokainsüchtigen. Brückner murmelte noch ein paar beruhigende Worte. Sie schien sie gar nicht zu hören, zumindest den Sinn nicht aufzunehmen. Er war

froh, als er die offenbar Nervenkranke verlassen hatte. Unsere Volkspolizei ist gesetzlich verpflichtet, jeder Anzeige, auch unsinnig scheinenden und

sogar anonymen, nachzugehen. Oft verlangt gerade das viel zusätzlichen Aufwand und Fingerspitzengefühl, weil keinesfalls die Bevölkerung beunruhigt

oder gar ein schuldlos Verdächtigter an seinem Ruf geschädigt werden darf.
Brückner, Becker und Lorenz waren deshalb ziemlich verärgert, als sie in ihrem Dienstzimmer unter sich waren, weil sie inmitten einer im Augenblick

besonders wichtigen, komplizierten Arbeit nun auch noch mit dieser Ausgeburt einer krankhaften Phantasie belastet worden waren.
Becker mußte es übernehmen, erst einmal Tatsachen zu ermitteln. Er ließ deshalb mehrere geschickte Mitarbeiter in der Schrebergartenkolonie und in

benachbarten Geschäften herumhören; die Befragung des angeblichen Mörders Ledewandt behielt Brückner sich selbst, Becker oder Lorenz vor.
Um nichts zu versäumen, erkundigte Brückner sich zunächst beim Abschnittsbevollmächtigten der Siedlung nach Frau Evelyn Burger. Oberleutnant Katte

lächelte. „Ach, die!” sagte er und seufzte leicht. „Hat sie schon wieder mal ein Faß aufgemacht? Die Frau ist nämlich krankhaft veranlagt. Schon

mehrmals hat sie harmlose Nachbarn schrecklicher Dinge verdächtigt; Einbruchsdiebstahl und Brandstiftung sind noch das geringste, einmal meldete sie

mir sogar einen Kindsmord einschließlich nächtlichem Vergraben der Leiche, während Mutter und Kind gesund und munter noch im Entbindungsheim lagen.

Wenn mir die schöne Evelyn, wie man sie hier oft ironisch nennt, jetzt mit so was kommt, nehme ich es scheinbar völlig ernst und sage, ich ginge der

Sache nach …”

Brückner lachte. „Das nicht gerade. Das darf ich ja nicht. Aber wenn sich dann, wie voriges Jahr einmal, der namentlich angezeigte Einbrecher als Steinmarder, der ein

Dutzend Hühner umgebracht hat, herausstellt oder wie unlängst ein qualmender Rauchfang als angebliche Brandstiftung eines Ingenieurs Möller, dann

streitet sie, weil das ganze Schrebergartenvolk sie auslacht, beleidigt ab, jemals so etwas angezeigt oder auch nur entfernt solchen Unsinn behauptet

zu haben.” „Also mit einem Wort, Genosse Katte, eine Halbirre?”
„Hm, ja.” Der Abschnittsbevollmächtigte nickte. „So könnte man’s nennen. Aber nicht durchweg. Gegenüber jungen Männern ist sie beinahe normal,

allerdings auch ziemlich mannstoll.” „Geschwätz oder Tatsache?”
„Beides. Aber ich glaube, man muß das und überhaupt ihre Absonderlichkeiten zu verstehen suchen. Die Frau hat kein schönes Leben gehabt. Doch das

interessiert Sie wohl kaum.”
„Was wissen Sie von ihrem Leben? Mich interessiert stets alles Menschliche, Genosse Katte, auch wenn es nicht unmittelbar mit einer laufenden

Ermittlung zu tun hat.”



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