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Herr Ledewandt von nebenan.


Er war ein untersetzter Mann mit angegrauten Schläfen, ruhig und freundlich. Zunächst antwortete er ziemlich verwundert: „Ja, allerdings. So heiße

ich. Aber …”
Brückner ließ ihn nicht ausreden. „Kennen Sie mich denn nicht mehr?”
Wyrbatz blickte ihn, verlegen werdend, an. „Nein, ich … entschuldigen Sie, ich habe ein sehr schlechtes Gesichtergedächtnis.”
Brückner tat enttäuscht. „Aber ich habe doch in Berlin, in der Bizetstraße, im selben Hause wie Sie gewohnt. Im Stockwerk über Ihnen. Brückner ist

mein Name. Erinnern Sie sich immer noch nicht?” Wyrbatz erinnerte sich natürlich nicht, aber wer gibt so etwas schon gern zu? „Ja”, sagte er, „wenn

ich Sie genauer ansehe … ja, dunkel.” „Wir sind uns öfter im Treppenhaus begegnet, haben auch ein paarmal miteinander gesprochen.” Brückner

plauderte lebhaft weiter, während er nun neben Wyrbatz einherging. „Ich habe ja riesiges Glück gehabt”, erzählte er, „daß es mich in der Bombennacht

vom fünfzehnten zum sechzehnten November vierundvierzig nicht erwischt hat; ich war gerade auf Dienstreise.” Dabei beobachtete er aufmerksam das

Gesicht seines Begleiters.
Aber der sah ihn nur ernst, keineswegs verwirrt an. „Meine erste Frau ist dabei umgekommen”, sagte er ruhig.
Brückner nickte. „Ja, ich erinnere mich. Es war furchtbar damals. Und Sie hatten zufällig Urlaub, meine ich gehört zu haben; und ausgerechnet da

mußten Sie so etwas erleben …”

Wyrbatz schüttelte den Kopf. „Als ich ankam, war Klara schon tot.” Er sagte das unsentimental, und ihm war keine Spur von Nervosität, die Brückner

erwartet hatte, anzumerken.
Sie kamen an einer kleinen Gaststätte vorbei. Brückner blieb stehen. „Wenn Sie es nicht eilig haben …? Ich meine, wenn man sich nach so langer Zeit

zufällig mal trifft…”
Sie gingen hinein und setzten sich an einen Tisch. Ohne Mißbehagen vor dem unangenehmen Thema erzählte Wyrbatz, er habe damals in Küstrin gearbeitet;

wegen eines noch nicht ausgeheilten Oberschenkeldurchschusses sei er in eine Werkstatt der Wehrmacht abkommandiert gewesen, wo Munitionskisten

angefertigt wurden. Als er am Mittag des 16. November von einem eben aus Berlin gekommenen Kameraden gehört habe, bei einem nächtlichen Bombenangriff

sei besonders sein Wohnviertel stark mitgenommen worden, habe er sich auf einen Lastwagen gesetzt, der gerade nach Berlin abging. „Hatten Sie denn

Urlaub?”
„Unser Werkstättenleiter, ein alter Unteroffizier, war mein Freund. Aus der Tischlerinnung. Er ließ mich sofort fahren.”
„Ach so. Und als Sie ankamen …” ,,… war meine Frau schon tot. Nachbarn hatten sie in meine Werkstatt getragen und dort auf die Hobelspäne gelegt.

Sie soll noch geatmet haben. Meine Werkstatt - Sie erinnern sich gewiß,gleich hinter dem Haus - hatte merkwürdigerweise nichts abbekommen.” Wyrbatz

trank ruhig sein Glas aus und bestellte ein zweites.

Brückner, der gute Menschenkenner, konnte ihm nicht die geringste Unsicherheit anmerken. Der Mann heuchelte weder Trauer, die nach so vielen Jahren

unglaubhaft gewesen wäre, noch sprach er in jenem gemacht gleichgültigen Tonfall, mit dem Schuldige oft ihr gänzliches Unbeteiligtsein an einer Tat zu

demonstrieren suchen.
,,Gleich nach dem Begräbnis fuhr ich nach Küstrin zurück”, erzählte Wyrbatz weiter. „Als es dann fünfundvierzig dem Ende zuging, steckte man mich noch

in den Volkssturm, aber da habe ich mich sofort abgesetzt. Neunzehnhundertfünfundvierzig bis ungefähr Anfang -sechsundvierzig habe ich zuerst wieder

in Berlin gearbeitet, alles mögliche und ohne eine richtige Wohnung; doch dann schrieb mir Waltraut - das ist meine jetzige Frau -, ich sollte doch

nach Leipzig kommen.” Er lächelte unbefangen. „Na ja, und das klappte dann auch, und nun bin ich immer noch hier.”
Brückner, aufgefordert, auch von sich zu erzählen, erfand rasch ein paar belanglose Begebenheiten. Bald aber brachte er das Gespräch geschickt auf den

Metzger in Weißensee als gemeinsamen Bekannten, und kurz darauf suchten sie nach anderen. So hörte Brückner einige neue Namen. Würde Wyrbatz, der

zweifellos intelligent war, sie genannt haben, wenn er seine Vergangenheit möglichst im dunkeln lassen wollte? Oder fühlte er sich so sicher? Warum

eigentlich nicht - die Tat lag neunzehn Jahre zurück und war raffiniert genug ausgeführt worden.

Zwei der von Wyrbatz genannten vier Personen waren nicht auffindbar, zumal Brückner keine Anschrift kannte; sie waren inzwischen verzogen oder

verstorben.



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