This entry was posted on Tuesday, March 18th, 2008 at 11:39 am and is filed under Uncategorized. You can follow any responses to this entry through the RSS 2.0 feed. You can leave a response, or trackback from your own site.


Ich hielt die Frau für hysterisch, und das ist nun gar nicht mein Fall.
„Nein.” Donner schüttelte den Kopf. „Nein, eigentlich nicht. Bestimmt nicht. Ich weiß heute noch nicht, was ich wollte. Ich drehte durch. Vielleicht
dachte ich: Du mußt verhindern, daß der Alte schreit. Ich faßte ihn unters Kinn und hob seinen Kopf hoch. Ich drückte ihn gegen die Rücklehne des
Ohrensessels. Da erschrak ich furchtbar, denn das Gesicht war zum Fürchten: ein Auge zu und das andere ganz weit auf, als wollte es rausspringen, und
der Mund schief gezogen, die Kinnlade hing ‘runter wie manchmal bei einem Knockout.”
„Warum haben Sie den Strick nicht sofort entfernt? Das hätte doch nahgelegen.”
„Ich weiß es nicht, ich weiß es wirklich nicht, Herr Kriminalkommissar; Folkmann atmete noch, es war, wie wenn eine Ratte pfeift. Mir gruselte es. Mit
so was hatte ich überhaupt nicht gerechnet. Ich sollte noch die Kunstmappen in einer Kommodenschublade suchen, aber dazu hatte ich nicht mehr die
Nerven. Nur rasch weg, dachte ich. Ich hängte das Gemälde ab und verließ das Haus.”
„Die Tür zogen Sie hinter sich zu, den Schlüssel hatten Sie von innen steckenlassen.” Donner nickte. „Leider ja”, sagte er. „Erst als ich über den
Steg lief, überlegte ich, ob es, wenn Folkmann etwas Ernsthaftes zugestoßen war, nicht besser gewesen wäre, die Tür weit offenzulassen.” „Wir werden
sehen, Herr Donner”, sagte ich, „ob der Staatsanwalt sich in seiner Anklage auf den schweren Einbruchsdiebstahl beschränken oder ob er Sie nicht
zusätzlich wegen Totschlags oder Bedrohung mit tödlichem Ausgang belangen wird. Daß Sie Herrn Folkmann, wenn auch indirekt, ermordet haben,
sollte Ihnen Ihr Gewissen sagen.” Meine juristisch wenig fundierte Moralpredigt machte jedoch keinen Eindruck auf ihn. Er zuckte nur die
Achseln und fragte, ob er rauchen dürfe.
Der Tatbestand schien einfach, nur das Motiv fehlte. Die achtundvierzigjährige unverehelichte Postangestellte Manuela Haßlang hatte Selbstmord
begangen. Sie wurde frühmorgens in einem dichten Parkstreifen nah einem Vergnügungslokal gefunden. In ihrer Handtasche befanden sich rund 70 Mark, sie
trug noch Ring und Ohrgehänge, beides von einigem Wert. Der Obduktionsbefund besagte: Vergiftung durch eine Zyanverbindung.
Die ersten Ermittlungen meines Mitarbeiters Lorenz ergaben wenig. Die nicht sehr ansehnliche Frau hatte bis etwa vierundzwanzig Uhr in dem Tanzlokal,
das fast ausschließlich von der älteren Generation frequentiert wurde, den ganzen Abend (etwa seit neunzehn Uhr) mit einem Mann, schätzungsweise
fünfundvierzig Jahre alt, an einem Tisch gesessen und mehrmals mit ihm getanzt. Weder die Kellnerin noch andere Befragte konnten mit Bestimmtheit
sagen, ob beide das Lokal gemeinsam verlassen hatten. Der Mann, sagten die Büfettfrau und zwei Stammgäste aus, sei vordem nie im Lokal bemerkt worden,
die Frau jedoch öfter, und zwar jedesmal in Abständen mit einem anderen Partner, im Verlauf ungefähr eines Vierteljahrs mit drei oder vier
verschiedenen Männern. Diese konnten nur ungenau beschrieben werden; auch die Beschreibung des letzten war dürftig. Er war dicklich, etwa zehn
Zentimeter kleiner als die Tote (was für uns hieß: ungefähr 1,65 m), unauffällig gekleidet, das Gesicht bartlos, Halbglatze, Haarfarbe unbestimmt.
Offenbar hatte niemand sonderlich auf das Paar geachtet, denn weitere Gäste, die Lorenz geschickt und schnell ausfindig machte - Witwer und Ehemänner,
Witwen und Geschiedene, unverheiratete ältere Semester sowie eine Ehefrau, deren Mann verreist war, insgesamt elf Zeugen -, sagten ziemlich
übereinstimmend aus, das Paar habe sich nicht gerade lebhaft unterhalten, hauptsächlich Walzer getanzt; Auffallendes hatte niemand bemerkt, lediglich
die erwähnte Strohwitwe wollte gesehen haben, daß halb zwölf Uhr ein junger Mann an den Tisch getreten sei. Er müsse wohl einen Brief abgegeben haben,
denn als er fort war, habe Manuela Haßlang ein Papier in der Hand gehabt und gelesen. Ihr Partner, meinte die Zeugin, habe zu dieser Zeit nicht am
Tisch gesessen.
Leave a Reply
