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Ja, das stimmt.


Ein erstaunliches Ermittlungsergebnis brachte uns Becker: Fräulein Haßlang war seit mehr als zehn Jahren in einem mittelgroßen Postamt tätig gewesen.

Die dortigen Kolleginnen und Kollegen wollten kaum glauben, daß die stille, überaus fleißige, manchmal pedantische und altjüngferlich empfindsame

Manuela Haßlang überhaupt jemals tanzen gegangen sei, das passe - wie übrigens auch ihr bombastischer Vorname - absolut nicht zu ihr. Ob sie beliebt

gewesen sei? Von allen Befragten sinngemäß die gleiche Antwort: Beliebt sei nicht das richtige Wort, wohl aber geachtet.

Manuela Haßlang habe sich stets, ohne unfreundlich zu sein, abseits gehalten, sich nie in Privates gemischt und in Versammlungen nur zu postalischen

Angelegenheiten sachlich, manchmal sehr kritisch gesprochen.
Die Durchsuchung ihrer kleinen Wohnung - alles überaus sauber, da und dort Altmodisches - ergab wenig. Auffallend war lediglich die Qualität und Art

ihrer Wäsche, diese war alles andere als altjüngferlich. Briefe wurden keine gefunden, auch, was bei Selbstmördern selten vorkommt, kein

Abschiedsbrief.
Niemand wählt den Freitod ohne starkes Motiv. Aber bis jetzt stand nur eines fest: Manuela Haßlang hatte, geschickt getarnt, ein Doppelleben geführt.

Wir verfügen natürlich über gewisse Erfahrungen. Das lückenhafte Material, was uns vorlag, deutete -allerdings sehr unbestimmt - auf einen Fall von

Heiratsschwindel mit tragischem Ausgang. Was sprach dafür? Das überalterte Fräulein war auf der Suche nach einem Mann gewesen. Indizien besagten es:

ihre Reizwäsche, ihr apartes Kleid, das sie im Dienst so wenig trug wie ihr wertvolles Ohrgehänge. Sodann die Tatsache, daß sie gerade in diesem

Tanzlokal, einem bekannten „Treffpunkt der reiferen Jugend”, mit verschiedenen Partnern gesehen worden war.
Ihr Doppelleben schien in diesem Zusammenhang typisch. Die unansehnliche Frau hatte schwere Hemmungen, ihr Verhalten im Dienst war deshalb, wie die

Psychologen sagen, eine Überkompensation. Frauen, die auf Heiratsschwindler hereinfallen, und das sind leider mehr, als man gemeinhin annehmen möchte,

haben entweder immobilen Besitz - eine schöne Wohnung, ein Haus, ein Geschäft - oder aber, von Heiratsschwindlern weit mehr geschätzt, Ersparnisse.

Denn dabei ergeben sich beim Abheben keine nennenswerten Schwierigkeiten, vor allem kann der Betrüger mehrere Opfer hintereinander oder sogar

gleichzeitig ausplündern. Meist schämen sich die Opfer, Anzeige zu erstatten.
Ich beauftragte Becker, umgehend zu ermitteln, ob und wo Fräulein Haßlang Geld deponiert gehabt hatte. Daß es inzwischen abgehoben worden war, schien

uns gewiß. Deshalb konnte auch der Mann, der sie in den Tod getrieben oder ermordet hatte, seinem Opfer den Schmuck und die 70 Mark belassen. Wie aber

war Fräulein Haßlang - als Postangestellte - zu dem tödlichen Gift gekommen? Ihr Liebhaber konnte es ihr als Praline oder als Medikament ausgehändigt

und sich dann schnell entfernt haben. Denn es war doch sehr merkwürdig, daß eine Frau von der Art Manuela Haßlangs, falls sie sich bewußt

selbst töten wollte, dies nicht möglichst unauffällig daheim getan haben sollte statt in einem öffentlichen Park. War sie dorthin allein gegangen?

Oder mit einem Erpresser? Ihrem Mörder? Wenn es uns gelänge, den ominösen Tanzpartner ausfindig zu machen, wären wir bestimmt einen großen Schritt

weiter. Welchen Beruf hatte dieser Mann? Vielleicht Chemiker, Mediziner oder dergleichen?
Er war - Bäckermeister, Inhaber eines kleinen Geschäfts. Wir brauchten ihn gar nicht aufzuspüren,er meldete sich sofort selbst, als er vom Tod

Manuela Haßlangs erfuhr. Er war entsetzt über den Selbstmord. Seine Aussage war klar, nachprüfbar und warf alle unsere Kombinationen über den Haufen.

Er hieß Manfred Lange und war seit fünfzehn Jahren verwitwet. Ein Freund hatte ihm den Besuch des Tanzlokals angeraten, es sei, wie der Ratgeber sich

ausdrückte, der „ideale Heiratsmarkt, ganz unverbindlich und überdies vergnüglich”. Als Herr Lange seine Garderobe abgab, traf er dort zufällig mit

Fräulein Haßlang zusammen. Beide betraten, ohne sich miteinander bekannt gemacht zu haben, den Saal und setzten sich abseits an einen kleinen Tisch,

weil gerade kein anderer frei war. Erst dort kamen sie ins Gespräch. Sie tanzten auch öfter. Unterhalten hätten sie sich über lauter Alltagskram,

keiner von beiden habe detailliert über seine persönliche Situation gesprochen. „Ich sagte nur, ich sei Geschäftsmann, Witwer, und sie sagte, sie sei

Angestellte und ledig, das war in dieser Hinsicht so ziemlich alles. Die Frau gefiel mir nicht. Ich war auch sehr enttäuscht von dem angeblichen

Heiratsmarkt. Gegen Mitternacht gingen wir zur Garderobe. Sie ließ sich ihre Sachen geben. Ich mußte noch warten, weil sich ein offenbar angeheitertes

Paar zwischen uns gedrängt hatte. Sie verabschiedete sich, und das war mir sehr lieb, denn ich brauchte sie nicht zu begleiten. Vielleicht”, schloß er

achselzuckend, „wäre es besser gewesen, und sie lebte noch.” Ich fragte den Zeugen, ob ihm im Benehmen oder Wesen der Frau etwas aufgefallen wäre.

„Ja”, antwortete er. „Aber erst später, so gegen halb zwölf. Ich war austreten gegangen, und als ich zurückkam, zerriß sie ein Stück Papier in ganz

kleine Fetzen, die sie - was mir übrigens ein Greuel ist - in den Aschbecher warf. Vorher war sie ganz ruhig, ich möchte sagen normal, gewesen, aber

von nun an tat sie übertrieben lustig, zwischendurch aber starrte sie minutenlang vor sich hin, wie abwesend. Wir tanzten noch zweimal, aber das war

alles andere als ein Vergnügen.”



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