Kurz gesagt, Sie wollten den wehrlosen alten Mann erdrosseln.


Brätschlin erkannte, daß er sich verplappert hatte, und wurde sehr

nervös. Dünne Schweißtropfen traten auf seine Stirn. Unentwegt putzte er seine Brille. Endlich stammelte er: „Mir sagte er, er hätte dort eine zweite

Wohnung.” „Was Sie natürlich ganz in Ordnung fanden? Nicht ein bißchen sonderbar?” „Ich … ich …”
„Lassen wir’s gut sein. Darüber wird uns Herr Donner bestimmt noch einiges zu sagen haben”, warf ich beiläufig hin.
Brätschlins abermaliges Erschrecken war unverkennbar. Unwillkürlich wandte er sich zur Tür, als könne Donner dort plötzlich hereingeführt werden. Man

sah ihm an, daß er am liebsten gefragt hätte, ob sein Komplize verhaftet sei und womöglich schon gestanden habe.
Ich nutzte seine Verwirrung. „Erzählen Sie weiter”, drängte ich. „Wie war das mit München?” „Donner sagte mir, er stände dort mit einem Händler in

Verbindung, der ständig wertvolle Stücke suche und hoch bezahle. Da ist mir eingefallen, daß Folkmann noch den Kokoschka besitzen könnte. Donner

sprang sofort darauf an. Da wurde ich leider schwach …”

„Schwach, nun ja, so kann man’s auch nennen. Weiter. Was geschah dann?”
Brätschlin, offensichtlich erleichtert, weil er den kritischsten Punkt des Verhörs überwunden glaubte, tat nun das, was überführte Gauner beim

ersten Verhör oft zu tun pflegen: In der dummen Hoffnung, von ihrer Person ablenken zu können, indem sie ihre Komplizen belasten, erzählte er zunächst

umständlich und fahrig gestikulierend, dann, da ich ihn nicht unterbrach, allmählich konzentrierter, aber auch vorsichtiger. „Donner stellte

seinen Volkswagen in meiner Garage unter und fuhr mit meinem Wartburg nach Wusterwaldau. Ein ziemliches Stück abseits vom Haus Folkmanns hielt er und

bat eine junge Frau, die gerade beim Blumengießen war, ihm die Kanne zu leihen. Sein Kühler sei leck. Er hatte vorher Wasser abgelassen. Das

Nachfüllen müsse, damit der Motor nicht leide, langsam geschehen, sagte er und kam so mit der jungen Frau ins Gespräch. Natürlich erwähnte er sehr

bald das schöne Fachwerkhäuschen dort unten am Fluß und fragte nach dessen Bewohner. Ja, erzählte die Frau bereitwillig, das sei ein komischer Kauz,

ein gewisser Folkmann. Der führe seinen Haushalt selber, koche sogar für sich, schon seit einem Jahr habe er keine Reinemachefrau mehr. Dabei sei er

krank, aber der Arzt käme nur ganz selten. Aus der Kreisstadt. Wenn der alte Herr nicht in seinem Gärtchen herumbastele, lese er dicke Bücher und

begucke - die Frau lachte - stundenlang Bilder wie ein kleines Kind. Ob er denn nicht auch Bilder an der Wand hängen habe, fragte Donner obenhin.

Nein, nur eins, antwortete die Frau, ein handgemalenes, irgend so einen ollen Mann. Mehr wollte Donner gar nicht wissen.” „Das genügte ja auch.” „Ja.”
Brätschlin hatte sodann auf Anraten Donners das Angelgerät gekauft, und montags fuhren beide, als zünftige Angler gekleidet, nach Wusterwaldau. Die

weiteren Vorgänge hatten wir, wie sich nun herausstellte, ziemlich richtig kombiniert. Donner überprüfte vormittags zunächst die Umgebung des Tatorts

(wobei er als Angler gesehen worden war); er begab sich anschließend zu Folkmann und überbrachte diesem Grüße von Brätschlin. „Es war ein Brief von

ein paar Zeilen.” Dabei überzeugte sich Donner, wo im Zimmer das Gemälde hing. Beim Hinausgehen achtete er auf das Schloß. Es war ein Patentschloß,

das beim Zuziehen der Tür automatisch einschnappt, von einem Nichtfachmann kaum mit einem Dietrich zu öffnen. Wenn Donner also abends nochmals ins

Haus wollte, mußte er klopfen, denn daß der menschenscheue Folkmann seine Tür nicht zuverlässig sicherte, war ausgeschlossen. „Aber Donner”, erklärte

Brätschlin, „hatte vorgesorgt, daß alles ohne Lärm oder lautes Reden ablief.” „Wie?”
„Er hatte vormittags seine Brieftasche, der er mein Briefchen entnahm, absichtlich auf dem Tisch liegenlassen und sich, ehe ihn Folkmann zurückrufen

konnte, schnell entfernt. Folkmann mußte also annehmen, daß sein Besucher, wenn er den Verlust bemerkte und sich besänne, bestimmt zurückkehren

würde.”

Ich nickte. „So geschah es dann auch am Abend, während Sie am anderen Ufer der Werret die Fahrräder bereithielten und Schmiere standen?” , Ja. Aber

was sich im Haus abgespielt hat, weiß ich nicht. Wirklich, Herr Brückner, ich weiß es nicht! Das hat mir Donner nicht erzählt. Er schnitt mir, als ich

danach fragte, schroff das Wort ab und drängte aufgeregt zur Eile. Erst als mich dann Ihr Mitarbeiter Becker in Berlin aufsuchte, erfuhr ich zu meinem

Schrecken, daß Folkmann tot war. Von dem Augenblick an hatte ich keine ruhige Minute mehr.” „Wo befindet sich das Gemälde?” „Das … Donner hat es.”

„Sie lügen, Herr Brätschlin!”



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