Download Firefox - Linkedin.com - Affiliate - mymüsli - Video des Tages

Sie brach ab, die Erinnerung hatte sie überwältigt.


Mit diesem makabren Fund begann der Fall Wyrbatz, den Peter Brückner und seine beiden Mitarbeiter sozusagen nebenbei aufklärten.
Die Totengräber kamen in ihrem nun ganz und gar unphilosophischen Gespräch zu dem Ergebnis, daß die Todesursache (was 1944, als die Beerdigung

stattgefunden hatte, naheliegend gewesen wäre) kaum kriegsbedingt gewesen sein konnte. Sie packten das Fundstück ein und übergaben es anderntags dem

Diensthabenden ihres zuständigen Reviers. Dieser, ein junger Polizeimeister, hätte die Annahme am liebsten abgelehnt, aber das ging ja nun nicht. Er

schaffte sich die leidige Sache vom Hals, indem er den Schädel mitsamt dem vorgeschriebenen Fundprotokoll ins Kriminalmedizinische Institut schickte.

Dort stellte man fest, daß höchstwahrscheinlich ein achtzehn bis neunzehn Jahre zurückliegender Mordfall in Frage komme, es sei denn, daß ein Nagel

oder ähnlicher runder, spitzer Gegenstand erst nach erfolgtem Tod in die Schädeldecke getrieben worden sei. Aber welchen Sinn sollte das gehabt haben?

Aus dem Zustand des Schädels und der nun ebenfalls genau untersuchten anderen Teile des Skeletts war zu schließen, daß es sich um eine damals etwa

fünfundzwanzigjährige weibliche Person handelte. Der Beginn der Erkundungsarbeit war einfach. Leutnant Lorenz konnte den Unterlagen der

Friedhofsverwaltung mühelos entnehmen, daß in der Grabstätte Nr. 1265 am 18.November 1944 die Ehefrau Klara Wyrbatz geborene Klonke, vierundzwanzig

Jahre alt, beigesetzt worden war. Auch eine Durchschrift des Totenscheins war noch vorhanden. Er war ausgestellt von einem Dr.med. Lacknitz,

Berlin-Weißensee; als Todesursache war angegeben: innere Verletzungen infolge Bombenexplosion.
Doch damit rissen alle Spuren zunächst ab, denn das Archiv des zuständigen Standesamts war 1945 ausgebrannt.
Oberleutnant Becker, der Unermüdliche, forschte nach dem Arzt Lacknitz. Doch der war 1949 gestorben. Von mehreren ehemaligen Patienten wurde er als

gewissenhafter und freundlicher alter Herr geschildert. Den Nazis habe er, fügten einige hinzu, bestimmt nicht nahgestanden.
„Wenn wir die Zeitumstände berücksichtigen”, sagte Hauptmann Brückner bei der Dienstbesprechung, „vor allem die Bombennächte mit den vielen Toten und

Verletzten, die Überbeanspruchung der Ärzte, dann ist diesem Doktor Lacknitz, der damals bereits den Siebzigern nah war, kaum vorzuwerfen, daß er den

Totenschein leichtfertig ausstellte. Wir dürfen vielmehr annehmen, meine ich, daß er getäuscht wurde.”
Der nächste Schritt war, den Ehemann der Ermordeten ausfindig zu machen. Becker versuchte es mit all seiner oft gerühmten Sorgfalt. Aber ein Wyrbatz

war seit 1945 nirgends in Berlin gemeldet. Also wahrscheinlich gefallen oder gestorben. Allzuviel Zeit und Mittel konnte Brückner nicht für diesen

weit zurückliegenden, offensichtlich hoffnungslosen Fall aufwenden; es gab Wichtigeres.
Lorenz hörte in der Nachbarschaft der ehemaligen Wohnung des Dr. Lacknitz herum. „Es ist ja nicht anzunehmen”, erklärte er, „daß sich das Ehepaar

Wyrbatz von einem Arzt behandeln ließ, der in einem anderen Stadtteil wohnte.” Aber all sein Eifer war zunächst vertan. Obwohl der Name Wyrbatz nicht

gerade alltäglich ist, erinnerte sich niemand.
Doch endlich stieß der unermüdliche Lorenz auf einen Metzger. „Ja”, sagte der, „die Frau hat damals bei mir gekauft. Es war so eine mittelgroße,

schlanke Blondine, bildhübsch, ich schätze so um die Zwanzig herum. Ihr Mann war bei der Wehrmacht, glaube ich.”
Lorenz hatte Mühe, seine Freude zu verbergen. „Und wo wohnte sie?” fragte er zuversichtlich. „In der Bizetstraße, da, wo heute die Neubauten stehen.

Das Haus, wo die Wyrbatzens drin wohnten, das ist bei dem großen Bombenangriff Mitte November völlig in Klump gehauen worden.”

Lorenz machte ein langes Gesicht. Die Spur war tot. Wozu noch länger suchen?
Der Ehemann sei, wie der Metzger sagte, „bei der Wehrmacht” gewesen. An ihn, an sein Aussehen, seinen Dienstgrad erinnerte er sich überhaupt nicht.

„Ich habe ihn nur ein- oder zweimal flüchtig gesehen.”
Ob das im November 1944 gewesen wäre? Der Mann zuckte die Achseln. „Du meine Güte, wie soll ich das heute noch wissen? Ich nehme an, er ist gefallen,

sonst wäre er doch wiedergekommen.” Lorenz gab auf.
Nicht aber der zähe und geduldige Becker. Er ließ über Fernschreiben in der ganzen Republik nach Wyrbatz, Vorname unbekannt, fahnden. Und er hatte

Erfolg. Konrad Wyrbatz, Möbeltischler, neunundvierzig Jahre alt, in zweiter Ehe verheiratet mit Waltraut Wyrbatz geborene Hönsgen, war, zugezogen von

Berlin, in Leipzig seit Februar 1946 ordnungsgemäß gemeldet.
Nun traf es sich, daß Brückner wegen einer anderen Angelegenheit in die Messestadt fahren mußte. Er nutzte die Gelegenheit und machte sich unauffällig

mit den Lebensumständen des Tischlers Konrad Wyrbatz bekannt. Dieser arbeitete in einer volkseigenen Möbelfabrik, war Brigadier, hatte einen guten Ruf

bei Kollegen und Hausbewohnern. Peter Brückner paßte Wyrbatz in der Nähe seiner Wohnung ab. Mit einem Ausruf gespielter Überraschung hielt er ihn an.

„Sie sind doch … entschuldigen Sie … Sie sind doch Herr Wyrbatz?”



Leave a Reply