Treten Sie näher!


Ich entließ ihn. Es bestand keine Fluchtgefahr. Und so merkwürdig es klingt, trotz der gravierenden
Fingerabdrücke auf der Schachtel waren mir Zweifel gekommen. Oder war es nur Mitleid mit dem schrecklich entstellten, gehemmten Mann, der einen so

bescheidenen, ruhigen Eindruck machte? Die Auskunft, die wir von der Leitung der Strafanstalt einholten, lautete sehr günstig. Von seiner früheren

Arbeitsstätte, einer Möbelfabrik, lagen in der Gerichtsakte einige lobende Charakteristiken; Züppling war mehrfach Aktivist gewesen. Arbeitskollegen,

die Lorenz befragt hatte, bezeichneten ihn als gutmütig und hilfsbereit, nur zum Jähzorn neige er manchmal. Die Entfernung vom Tatort bis nach Treptow

war beträchtlich, die Fahrverbindung schlecht. Doch all das konnte ihm nicht helfen. Denn abends rief mich der Chefarzt des Krankenhauses an, wo Frau

Hockunder lag. Die Patientin hatte ein paar Worte sprechen können. Der Einbrecher, sagte sie, immer noch schaudernd, habe ein gräßliches „Feuermal”

auf der linken Gesichtshälfte gehabt „und glühende Augen wie ein Teufel”. „Haben Sie seinen Gesichtsausdruck erkennen können?”
Sie schüttelte den Kopf. „Nein, ich sackte sofort ab.”
Der Haftbefehl wurde ausgestellt. „Soll ich die Wohnung des Dieter Hockunder trotzdem noch durchsuchen?” fragte mich Lorenz. Wir hatten die Erlaubnis

dazu nur erwirken können, weil wir glaubhaft geltend machten, daß er der Mittäterschaft dringend verdächtig sei. Wir hofften, bei ihm oder seiner

Geliebten einen Teil des geraubten Geldes zu finden.
Leutnant Lorenz fand mehr. Und nun saß Dieter Hockunder vor uns.
„Sie haben”, fragte ich, „nach Ihrer Entlassung aus der Strafanstalt mit Züppling zunächst einen kleinen Bummel gemacht?” „Allerdings …”
„Dabei haben Sie geraucht. Die Zigarettenschachtel Züpplings haben Sie sich dann eingesteckt.” „Ich? Warum sollte ich? Das ist doch …” „Schlau -

dachten Sie. Weil wir darauf bestimmt Fingerabdrücke Züpplings finden würden.” Er wurde blaß. Aber frech sagte er: „So ein Quatsch.”

Ich wickelte aus einem Papier mehrere Schminkstifte:
hellrot, altrot, blau und schwarz. „Sehen Sie, Hockunder, das haben wir in der Schublade des Küchentischs gefunden. Die Stifte sind noch frisch und

unlängst benutzt worden. Wie man sich schminkt, haben Sie ja während Ihrer Tätigkeit als Komparse kennengelernt. Sie rechneten mit der Schockwirkung

des Feuermals, und leider hatten Sie damit recht. Sie konnten auch nicht warten, bis Ihre Mutter zur Markthalle unterwegs war, denn die Wohnungstür

hat ein Sicherheitsschloß. Das Geld, das Sie raubten, fanden wir in der Manteltasche Ihrer Geliebten. Wollen Sie noch leugnen?”
Er machte keinen Versuch mehr. Wir hatten ihn überführt.
Den Haftbefehl für den Mann mit dem Feuermal konnte ich zerreißen.

Die beiden Totengräber unterhielten sich wie ihre Berufskollegen in Shakespeares „Hamlet”, nur nicht ganz so philosophisch, denn sie wollten schnell

fertig werden. Am abendlichen Himmel wetterleuchtete es, jeden Augenblick konnten die ersten Regentropfen fallen. Es war ein verwahrlostes Grab, das

von ihnen geräumt wurde, um einen neuen stillen Gast aufzunehmen.
Ede Kluppke verschnaufte einen Augenblick und sah dabei auf den Totenschädel, den Karl Duffhaus kurz zuvor seitwärts auf den Sandhügel geworfen hatte

und der von dort zwischen die verwilderten Efeuranken des Nachbargrabs gerollt war. Da lag er nun kalkigweiß und starrte ihn aus schwarzen Augenhöhlen

an. Das ließ Ede natürlich völlig gleichgültig. Er griff wieder zur Schaufel, da stutzte er. Der Kopf bewegte sich. Das war sonderbar. Ede Kluppke

erschrak keineswegs, sondern sagte nur zu seinem Kollegen Duffhaus: „Kiek mal, Karle.” Tatsächlich, der weiße Schädel hob und senkte sich. Duffhaus,

der nach oben geklettert war, hob ihn neugierig auf. Eine dicke Kröte hüpfte fort; sie hatte, unter den Schädel gekrochen, die Bewegung verursacht.

„Ach so”, brummte er. Aber da er den Schädel nun schon in der Hand hatte, sah er ihn sichgenauer an. „Hat noch alle Zähne”, stellte er fest, „war wohl

noch ‘n ziemlich junger Mensch.” Damit wollte er den Schädel wieder achtlos zu den anderen Knochenresten werfen, aber da entdeckte er etwas

Befremdliches. „Wat is’n det?” fragte er verwundert, denn da war ein schwarzer Punkt auf der glatten weißen Schädeldecke.
„Zeig mal”, sagte Ede und rieb mit dem angefeuchteten Daumen über die kupplige Knochenpartie. Nein, es war kein Fleck - es war ein Loch: kreisrund,

nicht größer als einen oder zwei Millimeter, also keinesfalls ein Einschuß.



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