This entry was posted on Tuesday, March 18th, 2008 at 11:44 am and is filed under Uncategorized. You can follow any responses to this entry through the RSS 2.0 feed. You can leave a response, or trackback from your own site.


Und lassen sie dann schwimmen?
Die beiden anderen machte Becker rasch ausfindig. Zunächst den Rentner Willibald Brode, dann die Kurzwarenhändlerin Erika Böttier. Brückner befragte
beide sehr behutsam. Der Rentner konnte ihm nichts Wissenswertes erzählen. Aber von Frau Böttier, die mit sichtlichem Behagen tratschte, erfuhr er
einige Neuigkeiten, die ihm, dem erfahrenen Kriminalisten, überraschend den Weg zur Lösung des Falls wiesen.
Konrad Wyrbatz war, so hörte er, sehr eifersüchtig auf seine Frau Klara gewesen. Zu Recht, denn diese war, nach dem überaus farbigen Bericht der
Kurzwarenhändlerin, „wunderschön, aber ein dolles Flittchen”. Mit aller Entschiedenheit habe sie sich jedoch gegen eine Scheidung von dem
Obergefreiten Wyrbatz, Inhaber einer gut gehenden Tischlerwerkstatt, gewehrt, um so mehr, als sie erfuhr, daß dieser bei der Nachrichtenhelferin
Waltraut Hönsgen - ,,so einer richtigen BdM-Zicke” -Trost gesucht und gefunden habe. „Na, da ist die Klara dann ja im richtigen Moment umgekommen”,
fuhr Frau Böttier gemütvoll fort, „sonst hätte es womöglich noch ein Unglück gegeben, so wie die beiden Weiber zueinander standen.”
Ob Waltraut Hönsgen denn beim Tod der Klara Wyrbatz zugegen gewesen wäre, fragte Brückner scheinbar beiläufig. „Ja, wir hatten Klara in Wyrbatzens
Werkstatt auf die Hobelspäne gelegt. Sie lebte noch, und wir dachten: Die kommt durch, die ist bloß ohnmächtig. Aber nee. Sie starb, obwohl die Waltraut, der sie nun
doch leid tat, den Rest der Nacht und den ganzen Vormittag bei ihr blieb, bis Wyrbatz mittags von Küstrin kam. Aber Waltraut Hönsgen hatte Klara auch
nicht helfen können. Der Arzt sagte später, innen wäre von einer Druckwelle etwas zerrissen gewesen. - Ich hab’ übrigens gehört, der Wyrbatz soll
später die Waltraut geheiratet haben …”
Brückner wußte genug. Wenn er den Fall klären wollte, mußte er jetzt etwas wagen. Mißlang ihm das, blieb der Täter unentdeckt.
Er fuhr nach Leipzig und ließ sich Waltraut Wyrbatz im Polizeipräsidium vorführen. Sie erwies sich als eine kräftige, ziemlich mollige Blondine, trotz
ihrer vierundvierzig Jahre immer noch recht ansehnlich. Sie war sichtlich sehr nervös und wurde zusehends nervöser, als Brückner sie aufforderte, über
den Verlauf der Bombennacht und den Tod der Klara Wyrbatz zu berichten. „Ich konnte nichts tun!” versicherte sie mehrmals eindringlich, als sie
schilderte, wie die von der Explosion Betäubte hilflos vor ihr auf den Hobelspänen gelegen und „langsam dahingestorben” wäre.
„Frau Wyrbatz hatte schönes, dichtes blondes Haar, nicht wahr?” fragte Brückner scheinbar zusammenhanglos.
Waltraut Wyrbatz stutzte, dann begann sie zu zittern. „Ja”, antwortete sie tonlos. „Stehen Sie mal auf”, befahl Brückner schroff.
Und er hielt ihr plötzlich einen Hammer und einen großen Nagel entgegen. „Kennen Sie diese beiden Gegenstände?”
Da sank die kräftige Frau haltlos auf ihren Stuhl zurück. Sie war kreideweiß. Nach einer Weile begann sie zu schluchzen. Brückner wartete geduldig.
Endlich sagte sie mit leiser, fast flüsternder Stimme: „Ja, ich hab’ es getan. Ich habe sie gehaßt. Sie wollte Konrad nicht freigeben. Damals … ja,
wir erlebten täglich so viel Schreckliches … Das stumpfte ab. Und ich dachte: Wenn sie nun nicht stirbt? Sie bewegte sich und stöhnte. Da sah ich
auf der Hobelbank Hammer und Nägel liegen …” Ein Verbrechen war, neunzehn Jahre später,
aufgeklärt.
Die Frau machte den Eindruck einer Hysterikerin. Sie war nicht aufgeregt, sondern exaltiert. Sie hatte Anzeige erstattet, und da sie behauptete, ihr
Nachbar Ledewandt habe seine Frau ermordet, mußte die Kommission der Sache nachgehen, obwohl es sich offenbar um einen Fall von übersteigertem
Geltungsbedürfnis handelte.
Die Frau bewohnte schon seit langem ein Häuschen in der Schrebergartenkolonie „Erntesegen”. Ihr Mann, ein ehemaliger Apotheker, war vor etwa
anderthalb Jahren verstorben. Sie war hübsch, vierunddreißig Jahre alt, etwas füllig und, wenn sie nicht erregt war, von einer mütterlichen
Liebenswürdigkeit, die Leutnant Lorenz, der sich bei Frauen auskannte, später einmal die ,,Schmiegsamkeit eines Blutegels” nannte. (Er liebte bizarre
Vergleiche.) Die Augen der Frau waren auffallend rund und groß, aber bläßlich und wie mit hellblauer Emaille überzogen. Ihr Haar, weder gefärbt noch
gebleicht, glänzte goldblond. Sie war aufdringlich süß parfümiert. Evelyn hieß sie, Evelyn Burger.
Peter Brückner hatte sie zunächst allein aufgesucht. Frau Burger zog ihn, kaum daß er sich vorgestellt hatte, hastig ins Haus, sah ängstlich zum
Nachbargrundstück hinüber, schloß rasch die Tür und drehte noch den Schlüssel um. Sie sprach leise, flüsterte nicht nur anfangs, sondern fast während
der ganzen Befragung. Ihr schönes, sichtlich sorgsam gepflegtes Haar war zum Schluß zerzaust, weil sie fortwährend daran herumgezupft hatte. Ihre
matten Augen glitzerten.
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