Verjährt?


Da brach sie zusammen. Sie erlitt einen Weinkrampf. Dann gestand sie, ohne noch Ausflüchte zu versuchen.
Vor etwa einem Vierteljahr hatte sie erkannt, daß ihre Kollegin Haßlang zwar ein schwer gehemmter, aber überaus lebenshungriger Mensch war. Manuela

hatte aus irgendeinem Grund Vertrauen zu ihr gefaßt. Ihre große Sehnsucht war, einen Mann zu haben. „Uschi” hingegen benötigte dringend Geld, ihr

Geliebter bedrängte sie: Zum gemeinsamen Glück gehöre ein Wartburg, zumindest ein Trabant. Er heckte den Plan mit den Unterschlagungen aus. Aber seine

„Uschi” hatte nichts mit Postanweisungen und anderen Einzahlungen zu tun. Da verfielen sie auf Manuela Haßlang.
Ursula Behling überredete sie zunächst, was gar nicht so leicht war, mit ihr tanzen zu gehen. Sie wisse, sagte sie, wohin „seriöse Freier” kämen.

Manuela gab nach. Arne Kobald spielte, wie zufällig von einem anderen Tisch herankommend, eine Zeitlang den interessierten Liebhaber Manuelas. Sie

geriet außer sich. Nunmehr fiel es Frau Behling verhältnismäßig leicht, sie zu den Unterschlagungen zu überreden. Anfangs waren es nur 60 und 90 Mark,

notfalls vom Gehalt zu ersetzen. Doch die gemeinsamen Ausflüge wurden zunehmend kostspieliger. Arne Kobald blieb weg, Uschi ebenfalls.
Manuela ging immer öfter allein tanzen, spät erwachte Sexualität ließ sie alles andere vergessen. Männer, meist jünger als sie, ließen sie, oft unter

durchsichtigen Vorwänden, die Zeche bezahlen. Sie tat es gern und voll wirrer Hoffnung. Das bis dahin unterschlagene Geld war ohnehin nicht mehr zu

ersetzen. Ursula Behling begann zu erpressen. Mit Erfolg. Denn nichts schien der bis dahin vorbildlich Korrekten entsetzlicher als die angedrohte

Aufdeckung ihres Betrugs. Sie zahlte und zahlte und wurde immer sexualhungriger, gleichzeitig wuchs ihre Angst ins Sinnlose; sie sah keinen Ausweg

mehr. Die Erpresserin heuchelte Verzweiflung: „Wenn es herauskommt, sind wir beide geliefert!” „Was dann?” fragte Manuela und wurde blaß. „Dann mache

ich Schluß”, antwortete Uschi. „Mit dem hier.” Sie zeigte Manuela das Gift. „Von einem guten Freund. Ich kann noch mehr davon kriegen. Man ist

ruhiger, wenn man so was zur Hand hat.” „Gib es mir!” rief Manuela. „Meinetwegen, da, nimm.”
Alles Weitere verlief, wie es die Erpresser geplant hatten. Der Brief, den der junge Mann aus Gefälligkeit - er gehörte ins Haus und war deshalb dem

Personal nicht aufgefallen - an den Tisch gebracht hatte, enthielt außer ein paar sentimentalen Abschiedsphrasen Uschis die Mitteilung, sie mache

Schluß, soeben sei der Betrug entdeckt worden; wenn Manuela nach Hause komme, warte dort schon die Polizei auf sie. Da zog die unglückliche Frau die

vermeintlich einzig mögliche Konsequenz.
Arne Kobald und Ursula Behling wurden gerichtlich zu einer anderen gezwungen.

Frau Frieda Hockunder, Gemüsehändlerin, vierundsechzig Jahre alt, lag vernehmungsunfähig im Krankenhaus. Ihr war kaum Gewalt angetan worden, denn die

geringen Hautabschürfungen am rechten Unterarm und eine leichte Schramme auf der Stirn hatte sie sich, wie die Ärzte meinten, beim Fall zugezogen.

Ursache des Falls war ein Herzinfarkt, hervorgerufen durch Schockwirkung. Der Einbrecher mußte sie furchtbar erschreckt oder bedroht haben. Denn

mehrere Nachbarn, sofort als Zeugen befragt, sagten übereinstimmend aus, daß Frau Hockunder alles andere als nervenschwach sei, im Gegenteil, sie

wurde von manchen sogar gefürchtet wegen ihrer robusten Kratzbürstigkeit.
Trotzdem kaufte man nicht ungern bei ihr, denn sie war überaus rührig beim Beschaffen frischer Ware; bei jedem Wetter frühmorgens, noch in der

Dunkelheit, schaffte sie das erste Gemüse, die ersten Früchte der Jahreszeit in ihrem Karren heran. Das kleine Geschäft ging gut.
Auch das war charakteristisch für sie: Trotz mancher Warnung brachte sie größere Summen nicht zur Bank, sondern verwahrte sie in ihrem Zimmerchen

gleich hinter dem Laden in einem Blechkasten. Er war erbrochen und geleert worden.



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